Hervorgehoben

Mestia – Ushguli

… verbindet ein malerischer Hiking – Trail durch den großen Kaukasus!

Day 1/ Tag 1

Hey, Siri 🙂

Hallihallo! Was kann ich für dich tun?

„Georgien wandern“

Schwuppdiwupp! Und schon wird einem dieser mehrtägige Trek ausgespuckt. Der Weg verläuft parallel zur russischen Grenze. Auf der 55 km langen Wanderung durchquert man georgische Bergdörfer und einige malerische Landschaften; passiert einen Gletscher und überquert mehrere Pässe. Besonders in der Hauptsaison ist der Weg für jeden machbar. Alle 10 km findet man spätestens eine Unterkunft und somit auch etwas Trink- und Essbares. Obendrein sind auch noch zahlreiche Quellen entlang des Weges eingezeichnet. Ich habe aber keine einzige dieser Quellen entdeckt; gleichzeitig habe ich aber auch nicht explizit danach gesucht. Vielleicht erwartete ich auch einfach etwas anderes oder ich bin blind. Erinnern tue ich mich aber an einige Plastikrohre, welche neben dem Weg endeten, wo teilweise sogar Wasser heraussprudelte. Im Nachhinein dachte ich mir dann, dass es die eingezeichneten Quellen gewesen sein mussten. Meine Empfehlung ist daher, dass man lieber genügend Wasser aus dem letzten Quartier mitnehmen und weniger auf die eingezeichneten Quellen spekulieren sollte. Auf jeden Fall benötigt man Bargeld, denn unterwegs kommt man an keinem Bankautomaten/ATM vorbei. Ebenso sah ich in keinem der Orte, die ich passierte, auch nur in Ansätzen einen Supermarkt. In der Hauptsaison ist die Versorgungslage vielleicht eine andere (bessere). In der Nebensaison war es definitiv stellenweise etwas tricky – besonders im Bezug auf die Grundversorgung.

Der imposante Mestia – Ushguli Wanderweg

Ganz so blind und unkonkret war meine Internetsuchanfrage dann aber auch wieder nicht. Zumal ich auch schon von einigen anderen Reisenden – nicht nur in diesem Jahr – von dem Trail gehört hatte. Die Erzählungen klangen verheißungsvoll und so beschloss ich für mich, dass ich diesen Wanderweg auch mal abwandern musste. Eins kann ich verraten: es wird definitiv abenteuerreich! Besonders zu dieser Jahreszeit!

die russisch-georgische Grenze in natürlicher Form (Berg Latsga)

Um die grenzübergreifende Ausbreitung vom Coronavirus SARS – CoV-2 zu entschleunigen, beschlossen zahlreiche Regierungen – so auch die georgische – ihr Land temporär abzuriegeln. Das hatte natürlich in den letzten zwei Jahren (2020 und 2021) für zahlreiche Menschen in den Bergdörfern entlang des Weges brutale Auswirkungen, da der Tourismus, neben der eigenen Landwirtschaft offenkundig die einzige Einnahmequelle darstellt. In den Jahren zuvor erfreute sich dieser Wanderweg immer größerer Beliebtheit, weshalb in vielen Dörfern ein vielfältiges Angebot an Übernachtungsmöglichkeiten bestand/ besteht. Zum Glück haben viele Bewohner dieser Dörfer ihr Zuhause in den letzten beiden Jahren nicht verlassen, weshalb ich mir auch in diesem Herbst keine Gedanken über eine nächtliche Bleibe machen musste. Dabei buchte man meist ein Komplettangebot – für 70 Lari (~30 Euro) – bestehend aus Abendbrot, Frühstück und Übernachtung.

Die Etappenplanung wird einem natürlich dadurch enorm erleichtert und vor allem kann man sich theoretisch Gepäck sparen. Ich nahm meinen ca. 10 kg schweren Rucksack dennoch mit auf den Weg – man weiß ja nie, ob man noch mal zurück zum Ausgangsort (Mestia) kommt.

Es war bereits nach 12 Uhr mittags als ich meine Unterkunft am „falschen“ Ende des Ortes Mestia verließ. So wanderte ich ein weiteres Mal durch die Provinzhauptstadt Svanetiens. Der Ort besteht zu großen Teilen aber nur aus Unterkünften, Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten. Dafür ist die Umgebung umso beeindruckender. In nördlicher bis östlicher Blickrichtung bilden bis zu 5000 m hohe Berge die natürliche Grenze zu Russland. Die Berggipfel waren nun Anfang Oktober schon vollends im Schnee versunken. Nur wiederum einige Höhenmeter tiefer – mit dem Beginn der Baumgrenze – war der Wald zeitgleich in prachtvolle Farben getaucht – Indian Summer pur! Nur die Sonne und der blaue Himmel wollten an dem Tag nicht zum Vorschein kommen.

typisch für die Region: die alten Wachtürme vor einem spektakulären Hintergrund

Am anderen Ende von Mestia wurde ein kleines, traditionelles georgisches (Familien?) – Fest gefeiert beziehungsweise wurde dieses noch vorbereitet. Mein Weg sollte an diesem Fest vorbeiführen und vor dem Festgelände wartete eine große Menge georgischer Männer. Ich fühlte mich das erste Mal etwas unwohl, denn schließlich starrten mich die Massen einfach alle an. Die Frauen waren im Hintergrund offensichtlich mit der Vorbereitung des Festes beschäftigt. Ich versuchte so aufrecht wie möglich zu laufen, versuchte meinen verwirrten, fragenden Gesichtsausdruck bestmöglich zu kaschieren und grüßte einfach mal „Hallo“. Ein gutes Rezept, um mit einer einem persönlich befremdlichen Situation offensiv umzugehen. Bedrohlich war die Situation keinesfalls – davon gehe ich fest aus, aber trotzdem fühlt man sich in dem Moment – ob der der vielen Augen – merkwürdig. Einfach fremd und anders.

Direkt hinter der Stadt ging es direkt nach oben. Der Weg bestand aus Geröll und Tierexkrementen. Die größte Hürde bestand darin, nicht direkt auf den ersten Metern in Tierkacke zu tappen. Da in Georgien auf den Straßen alle Tiere (Pferde, Rinder, Kühe, Gänse, Schweine, Hunde, Katzen usw.) einfach frei umherspringen „dürfen“ und ihnen dementsprechend auch keine feste Weideflächen zugewiesen sind, kann man schnell mal in einem Kuhfladen oder in Kuhdung stecken bleiben. 😉

Kuhfladen und Kuhdung gibt es wirklich wie Sand am Meer, da die Kühe und Rinder über die Wege teilweise täglich aus der Ortschaft heraus und wieder herein getrieben werden.

Es ging weiterhin stetig bergauf – aber nun auf einem breiteren Weg. Einem im wahrsten Sinne des Wortes weniger beschissenen Weg. Die Landschaft war rechts und links so unglaublich farbenfroh wie wahrscheinlich zu keiner anderen Jahreszeit.

Ja – ich bin wirklich ein großer Fan bunter Wälder! Wem geht es da genauso? 🙂

Als Nächstes musste man einen ebenso bunten kleineren Wald durchqueren. Dabei ging es wirklich knackig nach oben und ich kam mächtig ins Schwitzen. Der vollbepackte Rucksack trägt sich leider nicht von selbst. Der Weg bestand auch wieder einmal mehr aus aufgeschütteten Steinen, die teilweise eine beachtliche Große hatten. Zwei Kilometer später war die Höhe erreicht und ich war fand mich auf einem richtigen Weg wieder. Zurückblickend habe ich wahrscheinlich unbewusst eine Abkürzung genommen und ihr wisst ja: Meter zu sparen bedeutet nicht automatisch Energie zu sparen.

Der Weg ist tatsächlich recht gut beschildert! An den meisten Kreuzungen fand man einen Wegweiser inklusive einer Entfernungsangabe. Ebenso wurden die aktuelle Höhe und die Koordinaten geteilt.

Auf den letzten Metern zum Scheitelpunkt des ersten kleineren Passes wurde ich noch von einigen tollen Impressionen begleitet.

Dort angekommen machte ich auch erstmal eine kleinere Pause. Doch zunächst kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wooooooow!

erstes Dorf; Murshkeli

Vor mir lag ein wirklich beeindruckender Ausblick, während mir eine herbstwarme, frische Prise entgegenschlug. Das nun folgende Tal ließ sich von hier komplett überblicken. Gefühlt waren die Wiesen hier noch deutlich grüner als im vorigen Tal. Überall grasten an den Hängen die Pferde und Kühe/Rinder. Eingebettet in den grünen Wiesen lagen klitzekleine georgische Dörfer. Die kleinen Ortschaften bestanden größtenteils nur noch aus zerfallenen steinernen Gebäuden/Häusern und eben den steinernen alten Wachtürmen. Der gesamte Anblick wurde von den hohen Bergen, deren schneebedeckter Gipfel und den leuchtend bunten Wäldern abgerundet. Soweit ich blicken konnte, sah ich keine Menschenseele und auch kein Auto. Die Zeit schien für einen Moment wirklich still gestanden zu haben. Friedlich, ruhig, entschleunigt und entspannt lag eine wunderbare Momentaufnahme vor mir. Solche Momente oder Situationen kann man nur voller Inbrunst aufsaugen, denn im hektischen Stadtleben (oder Alltag) kommt man selten in den Genuss. Die mitgeschleppten Kekse und die Coca-Cola Zero schmeckten in diesem einzigartigen Augenblick daher gleich noch mal eine Runde besser.

Ich saß bestimmt eine halbe Stunde einfach nur auf einem Holzbalken und genoss die Stimmung. Definitiv wäre ich auch noch länger dort sitzen geblieben, wenn ich nicht Besuch bekommen hätte…

Ein Teil der Bande ..es waren wohl keine Wildschweine!

..denn eine Herde an Schweinen nährte sich und wollte an dem mir im Rücken liegenden Weiher offenkundig etwas trinken. Die Schweine waren farblich zu hell, weshalb es wohl Hausschweine gewesen sind. Die Herde bestand aus einigen Muttertieren (od. Bachen) und zahllosen Ferkeln (od. Frischlingen). Natürlich entdeckten mich die Muttertiere sofort, aber noch hielt ich offensichtlich genügend Abstand, sodass ich erst mal verschont und nicht direkt verjagt wurde. 😀

Frisch gestärkt und voller Neugier setzte ich meine Wanderung fort und es ging nun zunächst einige Kilometer bergab. Der Weg wandelte sich immer mehr in einen Trampelpfad (geformt vom Vieh) und leider nahm ich den Falschen dieser Pfade, denn ich verlor immer mehr an Höhe. Also versuchte ich mich wieder querfeldein – an einer ausgesprochen sehr steilen Stelle – durch die Büsche hangaufwärts zu kämpfen. Es war definitiv nicht die cleverste Idee, um an diesem Stück des Steilhangs den richtigen, quer verlaufenden Trampelpfad wiederzufinden. Gefühlt ging es dabei fast senkrecht durch die Büsche hangaufwärts. Hier wollte ich definitiv nicht zurückkippen … und mein schwerer Rucksack auf dem Rücken war in diesem Moment absolut keine Hilfe.

…bis „der Kuh vors Maul“ wäre ich ansonsten gestürzt

Irgendwann wurde ich dann doch inmitten der Büsche fündig und gelangte endlich wieder auf den „richtigen“ Pfad. Die Freude hielt aber nicht lange, denn im ersten kleinen Dorf auf meiner Tour wandelte sich der begehbare Pfad in eine Matschpiste – obendrein bestehend aus zahlreichen Exkrementen der bäuerlichen georgischen Tierwelt. Tasty hoch zehn! Zum Glück sieht es vor meiner Haustürschwelle normalerweise etwas anders aus.

Beim Anblick der ganzen Wachtürme kam ja schon fast ein Gefühl von Sicherheit auf… zumindest stand schon auf fast jedem Grundstück ein solcher befestigter Turm.

und das restliche Sicherheitsgefühl besorgte „Er“ mir 😉

Und auch diese grimmig dreinblickenden Gesellen unterhielten mich bestens. Schließlich war ich in den Dörfern absolut ein unbekanntes Gesicht und ich könnte ja ein „Pferd stehlen“… 😀

Der Weg war mittlerweile wieder ein deutlich besserer und ich nährte mich dem nächsten Dorf.

ein Blick zurück

Im nächsten Dorf sah ich immerhin einen „Market“ – Schriftzug ( Supermarkt). Hinter dem Schriftzug oder hinter der Tür befand sich aber wahrscheinlich nur gähnende Leere. Der vermeintliche Laden war auch nicht geöffnet und so musste sich meine Trinkflasche für eine weitere Befüllung noch etwas gedulden.

Wie ich schon zu Beginn des Textes erwähnt hatte, war die Versorgungssituation entlang des gesamten Weges schwierig. Und dieser „Supermarkt“ sollte doch tatsächlich der einzige offizielle Markt bleiben – und auch den konnt man an dem Tage nicht zu zählen.

Überall in Georgien begegneten mir temporäre Stromausfälle – sogenannte Brownouts. Ob die nun durch einen unerwarteten Spannungsabfall oder marode Anlagen getriggert wurden, vermag ich nicht abschließend zu beurteilen. Fakt ist aber auf jeden Fall, dass die Anlagen vielerorts nicht mehr die modernsten sind. Aber seht selbst …

sabotiert oder in die Jahre gekommen?

Im normalen Alltag vergisst man sehr, sehr schnell, wie immens wichtig Strom eigentlich ist. Es funktioniert kaum noch etwas ohne Strom! In Georgien musste ich mich daher temporär mehrmals mit nicht mehr funktionierenden Wasserhähnen, Toilettenspülungen, Duschen, WLANs, Heizlüftern, Lampen, Kartenzahlungen, Supermarktscangeräte, Küchengeräte usw. umherschlagen. Damit lässt sich kurzfristig natürlich umgehen, aber es sollte sich zeitlich definitiv nicht immens ausdehnen.

Remote – irgendwo in der georgischen Wildnis musste mir zum Glück darüber vorerst keine Gedanken machen. Schon sehr bald stieß ich auf den Mulkhra – Fluss. Ich folgte dem Fluss auf der linken Uferseite und landete direkt auf einem riesigen Geröllfeld.

am Fuße des Bergs liegt mein heutiges Ziel

Der Fluss führte zu dieser Jahreszeit nur mäßig Wasser, weshalb der Trail nun zeitweise durch das Flussbett ging. Immer wieder musste man kleinere Ströme überspringen beziehungsweise kleinere aufgeschwemmte Gebiete. Es ging mal mehr, mal weniger durch den Matsch – und so sahen am Abend meine Schuhe auch aus.

Nachdem ich über eine Brücke endlich den Fluss überqueren konnte, war ich auch schon in meinem heutigen Zielort: Tsaldashi angelangt. Nun stellte sich nur die Frage, in welcher Unterkunft ich denn über Nacht unterkommen werde. Ich war gänzlich ohne Internet unterwegs, da ich auf den Kauf einer georgischen Sim – Karte verzichtete. Zuverlässige Lastminute – Helfer wie Booking oder Airbnb funktionierten also in dem Moment nicht. Ich war noch nicht mal in dem Ort richtig angekommen, schon quatschte mich ein älterer Georgier an und bot mir an, in seinem Guesthouse unterzukommen. Das Angebot nahm ich auch direkt an und saß schon kurze Zeit später an einem wohlgedeckten Tisch. Mittlerweile war es ziemlich kalt draußen geworden und die warme Suppe, der warme Tee und die warme Hauptmahlzeit taten unglaublich tut.

Und was war ich hungrig, denn ich wanderte schließlich an dem Nachmittag noch ungefähr 20 km.

In meinem Zimmer gab es keine Heizung, die Fenster waren teilweise zerbrochen und löchrig. So fühlte es sich definitiv doch mehr nach „im draußen schlafen“ an. Irgendwie war ich schon ziemlich wütend in dem Moment, denn bei der Kälte erträumte ich mir nichts sehnlicher als irgendetwas den Raum aufwärmendes. Es gab aber leider keine Heizung für mich. Mit meiner Decke musste ich also auskommen und erstaunlicherweise hielt diese unglaublich warm. Ich wachte kein einziges Mal in der Nacht auf und schlief trotz der Kälte in dem Raum außergewöhnlich gut. Decken sind definitiv etwas ganz feines!

Morgen wollte ich den ganzen Tag wandern; ein mehr als 2200 m hoher Pass und eine Gletscherflussdurchquerung lagen definitiv noch vor mir.

Georgien #III: „von der Bürokratie in die weltberühmten Weinberge Grusiniens“

Bis nach Georgien konnte ich visumfrei reisen. Das sollte sich aber mit dem nächsten Land (Aserbaidschan) schlagartig ändern. So war es mal an der Zeit, sich um die bürokratischen Anlegenheiten dieser Reise zu kümmern. Das elektronische Visum für Aserbaidschan war schnell besorgt. Dazu gab ich nur ein paar persönliche Daten schnell im Internet ein und bezahlte um die 25 Dollar. Ungefähr eine Woche später erhielt ich das elektronische Visum schnell und unkompliziert in einer Email.

mein Visum für Aserbaidschan

Nach der Durchquerung Aserbaidschans sollte meine Reise in den Iran führen. Das iranische Visum bekommt man leider online nicht so einfach. Und schon gar nicht an jedem beliebigen Ort auf dieser Welt. Aber einen Teil des Touristenvirumprozesses kann man mittlerweile online erledigen. So füllte ich die entsprechenden Dokumente online aus und begab mich zur iranischen Botschaft. Noch dazu ergatterte ich online eine Referenznummer, welche das wichtigste Dokument zu sein scheint. Nach einem kurzen Temperaturcheck am Eingang der Botschaft -ja, COVID-19 wütete im Iran bereits Ende Februar gewaltig- und der Handyabgabe, war der Weg frei in die Botschaft. Nach einem kurzen Augenblick des Wartens war ich auch schon an der Reihe. Ich überreichte dem Botschafter meine Dokumente und er übergab mir einen kleinen Zettel im Gegenzug. Mit sehr brüchigem Englisch versuchte er mir zu erklären, dass ich nur noch überweisen müsste. Und zwar an einem ganz bestimmten Bankschalter. Addresse Fehlanzeige. Was man auf jeden Fall auch über Botschafter wissen muss, dass diese nur an wenigen Tagen und dann auch nur für jeweils wenige Stunden unter der Woche in der Botschaft anzutreffen sind. So hatte ich ungefähr eine Stunde zeit, um den entsprechenden Bankschalter zu finden. Zunächst irrte ich wirklich total ziellos umher und versuchte mittels Google den entsprechenden Schalter zu finden. Ein Glück erreichte ich nach einiger Zeit einen Kumpel, der mir die Adresse nennen und zumindest den Weg beschreiben konnte. Als ich den Schalter erreichte war es natürlich schon viel spät, um (gebenenfalls) mit der Quittung noch in der Botschaft zu erscheinen. Zumindest wollte ich die Überweisung schon mal tätigen. Nach einer gefühlten Ewigkeit konnte ich mein Anliegen schildern und tatsächlich konnte ich mit einer Mitarbeiterin in Englisch kommunizieren. Zunächst wurde ein Profil für mich angelegt, welches dann aber autorisiert werden musste. Dazu benötigte man eine andere Abteilung. Genau da lag nun das Problem. Wie ich nämlich erfuhr, war an jenem 151.Tag auf meiner Reise ein georgischer Feiertag. So war es unmöglich die Autorisierung für meinen Account zu erhalten, weshalb ich keine Überweisung an diesem Tage tätigen konnte. Shit… Ich solle doch am nächsten Morgen wieder kommen war deren Antwort. (Ich hätte mich aber auch mal informieren können. 😀 )

In der nun folgenden Nacht schlief ich super unruhig und wachte unzählige Male auf. Mich beschäftigte die ganze Nacht, ob ich denn wirklich in den Iran einreisen solle. Ich wollte unbedingt in den Iran, schließlich sollte es einer meiner persönlichen Highlights auf dem Weg nach Dubai sein. Tatsache war aber, dass die Grenze nach Dubai längst schon geschlossen war. Zumindest für den Moment. War es nun also naiv anzunehmen, dass in einem Monat die Grenze wieder offen sein würde?

Ich informierte mich in dieser Nacht immer mehr über die Beschränkungen, die mich in dem Land schon bereits zu dieser Zeit erwartet hätten. Schlussendlich beschloss ich in dieser Nacht schließlich, am nächsten Morgen nicht zum Bankschalter zu rennen und meine Visumsbewerbung einfach verfallen zu lassen. Keine leichte Entscheidung, aber irgendwie fühlte ich mich erleichtert. Unter den Umständen wäre es sehr sicher keine „richtige“ Iranreise geworden. Wie ich heute weiß, war es die richtige Entscheidung gewesen, welche ich dieses Nachts getroffen habe. Monatelang steckten Reisende im Iran fest; die Grenzen waren zu allen Nachbarländern geschlossen und so hätte ich bis zum Sommer auf jeden Fall im Iran verweilen müssen. Was aber keinesfalls hätte schlecht sein müssen.

Ebenfalls erkundete ich Mzcheta, das religiöse Zentrum Georgiens. Die Kleinstadt liegt etwa 20 km vom Stadtzentrum Tiblisis entfernt, am Zusammenfluss der Flüsse Kura und Aragwi. Herrlich gelegen in einer Talsenke. Zahlreiche Kirchen und Klöster runden das malerische Bild ab. So auch das Dschwari-Kloster (erste drei Bilder), welches die älteste Kreuzkuppelkirche Georgiens (gebaut im sechsten Jahrhundert) ist.

Irgedwann war es dann so weit und ich wollte weiter vorankommen. So verließ ich Tiflis dann Anfang März nach 2 Wochen Aufenthalt in Richtung Aserbaidschan. Gute 20 km später hatte ich dann Tiblisi wirklich schlussendlich verlassen. Auf dem neu gebauten Kacheti Highway kam ich zunächst sehr gut voran.

Fischverkauf am Straßenrand!

Die nächste Etappe sollte mich durch die berühmte Weingegend Kachetien im Osten Georgiens führen. Auf einmal sah ich deutsche Ortsnamen erscheinen. Ich wunderte mich natürlich sofort und fragte mich, was es damit auf sich hat. Die Story dahinter ist dann auch nicht so spektakulär. Vor ungefähr 200 Jahren sind Schwaben nach Georgien ausgewandert und diese ungefähr 20 Orte südlich von Tiflis trugen dann sehr schnell deutsche Namen.

ein bissl Heimat in Georgien

Nach der Großstadt ging es wieder in landwirtschaftlich geprägte Gebiete. Der Kontrast gefiel mir und so konnte ich mal wieder etwas mehr abschalten.

Endlich sah ich dann auch mal die ersten Weinberge! Aber nicht in Steillage! Vielmehr lagen die Weinberge wie ein Feld vor mir.

Je näher ich der georgisch-aserbaidschanischen Grenze kam, desto offensichtlich rückständiger wurden die Gebiete. Trotzdem zog mich die Szenerie in ihren Bann. Eine riesige grüne Ebene lag nun vor mir und wurde im Hintergrund von schneebedeckten Gipfeln des Kaukasus begrenzt.

Mit wirklich tollen Impressionen aus Kachetien bog ich nun auf die „Zielgerade“ zum Grenzübergang ein. Die Straße war wirklich schnurgerade und Aserbaidschan sollte leider mein letztes neues Land (vorerst) sein, weshalb die Metapher sehr gut passt. Die ersten kleineren Probleme gab es direkt an Grenze. Nicht auf der georgischen Seite, sondern auf der Anderen. Wie es in Aserbaidschan weiter geht, erfahrt ihr bald.

UND! Georgien war definitiv ein tolles, verrücktes und interessantes Land, in welchem es noch unglaublich viel zu entdecken gibt. Neben den Naturschönheiten, wie dem Kaukasus oder anderen Nationalparks, kann man in Grusinien auch sehr viele historische Sehenswürdigkeiten bestaunen. Ich werde bald mal wieder vorbeischauen!

Georgien #II: „zwischen Stalins Geist und der Perle Grusiniens“

Auf dem Weg nach Tiblisi (der Hauptstadt Georgiens) passierte ich die Geburtsstadt Josef Stalins, einem der Diktatoren des 20. Jahrhunderts (geboren 1879). Auch wenn das Repressionssystem (Gulag) vor Stalins Herrschaft schon bestand, so bekam es während seiner Amtszeit doch erschreckende Berühmtheit. Zeitweise fanden sich schätzungsweise bis zu 2.5 Millionen Personen in den tiefen Sibiriens in Arbeitslagern, Gefängnissen oder auch speziellen Kliniken wieder. Insgesamt starben in selbigen Anstalten zwischen 1930 bis 1953 um die 2.7 Millionen Menschen. Entkulakisierung und Kollektivierung der Landwirtschaft waren Auslöser riesiger Hungersnöte denen Schätzungen zufolge auf den Gebieten der Sowjetunion bis zu 6 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sein könnten. Der zwanghaften Sesshaftmachung der nomadischen Völker Kasachstans fielen bis zu 1.5 Millionen Menschen zum Opfer. Genug der grausamen Historie!

Die Geburtstadt Stalins trägt den Namen Gori und liegt ungefähr 100 km westlich von Tiblisi. Mitten im Zentrum der Stadt findet man ein Museum über Stalin und sein Geburtshaus. Links neben dem Museum befindet sich ein Eisenbahnwaggon. Dieser war Stalins persönlicher Waggon mit dem er mehrere Jahre durch die alte Sowjetunion fuhr.

Vor dem Museum traf ich auf eine Truppe Iraner, die alle Fotos mit mir schießen wollten. Ich dachte nur so insgeheim, dass das vermutlich ein kleiner Vorgeschmack auf den Iran sein würde. Ansonsten bot Gori nicht so viel. Erwähnenswert ist aber auf jeden Fall noch, dass das Rathaus eine Kuppel besitzt -dem Reichstag in Berlin- ähnelnd. Deutsche Kriegsgefangene errichteten nämlich das Rathaus während des zweiten Weltkriegs.

das Rathaus in Gori

Unweit von Gori findet sich die Grenze zu Südossetien. 2008 wurde Gori im Zuge des georgisch-russischen Krieges -um eben jenes Gebiet- durch die russische Armee für wenige Tage besetzt. Die Schäden der damaligen Tage sieht man aber heutzutage nicht mehr. Zumindest konnte ich sie auf den ersten Blick nicht entdecken.

Die nächsten Kilometer führten mich durch sehr, sehr stark landwirtschaftlich geprägte Gebiete. Zu dieser Zeit im Jahr wuchs um mich herum nicht sehr viel. So bot sich mir eine triste, doch gleichzeitig sehr beeindruckende Landschaft. Ebenso sah ich aus weiter Entfernung die alte Felsen- und Höhlenstadt Uplisziche (Unesco-Weltkulturerbe).

Ich erklamm nach einigen Höhenmetern eine Art Plateau, welches bis fast nach Tiblisi reichen sollte. Auch auf dem Plateau blühte um mich herum gar nichts. Trotzdem faszinierte mich die Landschaft in ihrer Kombination aus zahlreichen Bergen, dem restlichen Schnee, der Weite, der Einöde und den braunen-ockerfarbenen Farbtönen.

Irgendetwas hat die Landschaft, oder?

Obwohl ich erst mittags in Chaschuri startete, erreichte ich die ersten Vororte von Tiblisi bei Anbruch der Dunkelheit. Tiblisi ist der offizielle Name der Hauptstadt. Hierzulande ist die Stadt unter dem Namen Tiflis deutlich geläufiger. Um die 115 km führten mich durch eben angelichtete Landschaften. Die letzten 20 km musste ich mich dann noch bei Dunkelheit durch den Hauptstadtverkehr kämpfen und das ohne mein Rücklicht, welches weiterhin kaputt war. Tricky! Gegen 20 Uhr kam ich dann in meiner Unterkunft an und traf auf ein deutsches Pärchen. Anika und Denis teilen auf ostwärtsnachwesten ihre Erlebnisse ihrer mittlerweile schon bald zweijährigen Fahrradreise mit uns. Auch zahllose Einreisebeschränkungen halten Sie -WEITERHIN-nicht auf! Chapeau! Ich habe selten ein Pärchen erlebt, welches an einer Fahrradreise so großen Gefallen gefunden hat! Bald werden sich unsere Wege wieder kreuzen!

Da die beiden brennende Hansa Rostock-Fans sind und generell gerne auf Fußballspiele gehen, stand ein Abstecher zum georgischen Supercup-Spiel zwischen Dinamo Tiblisi und Saburtalo Tiblisi an.

kein wirklich spektakulärer Ground!

Auch noch heute sieht man der Stadt zahllose Einflüsse an. Schließlich liegt die Stadt an der Heer- und auch der Seidenstraße. Persischer, wie auch russischer Einfluss spiegeln sich im Stadtbild wieder. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts unterliegt die Stadt zunehmenden modernisierenden und futuristischen Planern.

Nach dem Fußballspiel war ich dann erstmal eine Woche lang krank. Wieder einmal. Und so schlecht ging es mir auch schon wirklich länger nicht mehr…starkes Fieber und Husten erzwangen eine Auszeit.

Die Altstadt erkundete ich dann mit Dominika zusammen, welche ich in Batumi kennengelernt habe. Eine Free Walking Tour mit David schaffte uns nicht nur einen sehr guten Überblick über die Stadt, sondern versorgte uns mit allerlei Informationen rund um die georgische Geschichte. Zum Beispiel ist die georgische Schrift eine der Ältesten auf dieser Welt – und die Schriftzeichen sind wirklich mehr als nicht tagtäglich.

die georgische Schrift! Ein Restaurant befand sich in dem Gebäude..

Wir begannen die Tour am Freiheitsplatz mitten im Zentrum der Stadt. Mit jedem Schritt drangen wir tiefer in die verwinkelte und vielfältige Altstadt ein.

Freiheitsplatz

Ein Wahrzeichen der Hauptstadt ist der krumme und schiefe Glockenturm, welcher sich in der Ione Shaveli Street befindet. Zu jeder voller Stunde springt ein Engel hinter einem hölzernen Tor im Turm hervor und läutet die Glocken. Um 12:00 und 19:00 Uhr öffnet sich ein zweites Türchen und ein winziges Pumpentheater beginnt zu spielen.

Über den größten Fluss des Kaukasus, der 1370 km langen Kura (georgisch: Mtkwari) spannt sich ein weiteres Wahrzeichen der Stadt. Die Friedensbrücke! Besonders imposant schaut die Brücke bei Nacht aus, wenn 30.000 LED-Leuchten die Brücke erleuchten lassen.

die moderne Friedensbrücke über die Kura

Unweit der Brücke befindet sich der Präsidentenpalast, welcher sich von der Brücke in seiner ganzen Prachtheit bestaunen lässt.

eine Konzerthalle im Vordergrund; der Präsidentenpalast im Hintergrund

Nicht nur mein Fahrrad habe ich bis nach Tiblisi bewegt, auch..

…ein Stück der Berliner Mauer 😀

Für mich der beeindruckenste Platz in Tiblisi ist ganz klar die Narikala Festung. Oder was von ihr noch übrig ist. Der Blick über die Stadt ist schlicht faszinierend. Aus dem Stadtbild ragen zahlreiche Kirchen empor und immer wieder tauchen futuristische Bauten. Alle Wahrzeichen der Stadt kann man von hier oben sehen.

Unterhalb der Burg befindet sich das Bäderviertel. Das Bad, welches wir besuchten, war super warm, aber nicht wirklich spektakulär.

Tiblisi wurde aufgrund seiner zahlreichen Botschaften auch zum Bürokratiezentrum meiner Reise auserkoren. Bis nach Georgien konnte ich schließlich visumfrei reisen. Das sollte sich aber ab dem nächsten Land (Aserbaidschan) schlagartig ändern. Und ich wollte weit und weiter! Viel weiter radeln… doch schon im nächsten Beitrag erzähle ich euch, wie ich das Ende meiner Reise nahen sah.

Georgien #I: „von wild west und postsowjetischem Flair im Kaukasus“

Georgien. Mit dem zwölften Land auf meiner Reise war ich geographisch wieder in der alten Sowjetunion gelandet. Der Kontrast zwischen der Türkei und der postsowjetischen Republik konnte in den ersten Minuten kaum größer sein. Ich fühlte mich wie zurück nach Russland katapultiert, wo ich bereits 2018 umhertouren durfte. Das Gefühl entstand aber nicht aufgrund der schier unendlichen Größe Georgiens, vielmehr durch zahllose andere Kleinigkeiten…

So gab es wieder Alkohol an jeder Ecke, Shoarma (eine Art Dürum), Bettler, viele alte Damen mit diesem gewissen düsteren Blick, Drunkenbolde, kaputte Autos in unendlicher Anzahl mit noch verrückteren Fahrern, Magasine (Supermärkte), eine neue Schrift, eine neue Währung, viele Kirchen, riesige triste Plattenbauten, Ladas, Casinos, Gasleitungen ..

das typische Auto in Georgien…

Um nur einige Unterschiede zu erwähnen, deren Kombination dem ganzen Land einen russischen Touch gibt. Auch wenn Georgien ein eigenständiges Land ist (seit dem 9.4.1991 wieder), lebt der „Geist der Sowjetunion“ an vielen Stellen noch weiter. Auch wenn die Georgier mächtig stolz auf ihre extravagante und einzigartige Sprache sind und eine eigene Währung haben, so drängt Russland immer stärker in die Kaukasusrepublik. Und nicht nur mittlerweile mit mehr als einer Millionen Touristen – jährlich. Zwei Gebiete werden faktisch schon komplett von Russland kontrolliert: Abchasien und Südossetien. Tausende von Soldaten sind in den beiden Gebieten stationiert. Ein stiller Konflikt, der wie ein stiller Vulkan weiterhin vor sich hin brodelt. Nicht ganz so explosiv wie der Konflikt um die Region Bergkarabach zwischen den beiden Nachbarländern Armenien und Aserbaidschan – aber dennoch nicht gelöst ist.

Florent, mit dem ich nun schon seit mehreren Tagen -mal mehr, mal weniger- unterwegs war, quartierte uns bereits im Intercontinental Hostel ein. So blieb mir die Suche nach einer Unterkunft wieder einmal erspart und ich konnte direkt eine feste Adresse ansteuern. Das Hostel war dann nicht wirklich die tollste Unterkunft. Aber was erwartet man auch für 5 Lari (1,70 Euro)/ Nacht. Na wenn dieses Hostel dem Budgetisten nicht wärmstens zu empfehlen ist…

Innen drin: Alle Gäste mussten sich eine kleine Dusche teilen, die zeitweise leider auch nur kaltes Wasser ausspuckte. Auch die Besitzerin war mehr als gewöhnungsbedürftig. So staunte ich doch nicht schlecht als ich eines Nachts nach Hause kam und in meinem Bett eben jene Frau schlief haha

Umgehend forderte ich sie natürlich auf, die Bettwäsche zu wechseln und mir „mein“ Bett wiederzugeben. Daraufhin bekam ich direkt eine Drohung an die Stirn geklatscht („Warte nur bis zum nächsten Morgen“). Schlussendlich räumte sie widerwillig das Bett. Am nächsten Morgen war dann auch alles wieder gut.

Am ersten Tag in Batumi schauten Florent und ich sich ein wenig bei fantastischen Sonnenschein in der Stadt um. Die Küstenstadt warb mit einer extravaganten Mischung aus emporragenden, sehr modernen Wolkenkratzern und alten Gebäuden aus der Sowjetzeit. Teilweise war die Stadt wirklich prunkvoll. Ein kilometerlanger Strand, eine Gondel in die umliegenden Berge und ein nahegelegener Botanischer Garten runden das Stadtbild ab.

Die städtische Vegetation bestand aus Palmen, Bambus und einigen anderen Gewächsen und mutete somit sehr tropisch an.

Entlang der Strandpromenade tummeln sich schon so einige ultramoderne Wolkenkratzer. Mittlerweile ist die Promenade, der Primorski Boulevard, mehr als 5000 m lang.

Besonders für Batumi prägend ist ein bunter Mix aus alten, traditionsreichen Bauten und modernen Wolkenkratzern, Hotelbauten, Casinos.

ein futuristischer McDonalds store

An einem anderen Tag wanderte ich entlang der Schnellstraße zum Botanischen Garten. So viele Kilometer (15 km) bin ich schon lange nicht mehr gelaufen und so merkte ich auch sehr schnell meine Beine. Fahrrad fahren und Laufen beansprucht eben nicht die selben Muskelgruppen.

ein Blick zurück auf die Skyline Batumis

Aufgrund der saisonalen Gegebenheiten war im Botanischen Garten leider noch nicht allzu viel zu sehen. Im Frühling/ Sommer wird dieser Garten sicherlich einem Dschungel ähneln. Immerhin begannen die ersten Frühblüher zu blühen und so fühlte ich mich -gedanklich zumindest- schon im Frühling! Aber ja, noch war es erst Mitte Februar. Und ich hoffte nur darauf, dass es nun wieder wärmer werden würde.

Da der Garten etwa 7 Kilometer vom Zentrum entfernt und auf einem kleinen Hügel lag, bot sich mir zur Sonnenuntergangszeit ein atemberaubendes Bild auf die Skyline. Gerade noch rechtzeitig konnte ich einige tolle Bilder schiessen, denn wenige Minuten später schloß der Park.

Mit einer öffnenden Autotür beinahe in meinem Fahrrad und einer handvoll geschenkter Mandarinen verließ ich die Schwarzmeerstadt dann auch endgültig und nahm Ziel gen nächster Küstenstadt (Poti).

kunstvoll aufgebauter Mandarinenstand entlang der Straße

Auf dem Weg passierte ich sehr, sehr dreckige Strände. Hoffen wir mal, dass es nur aufgrund der Sturmflut im zurückliegenden Herbst so aussah.

dreckiger Strand im Vordergrund, schöne Berge im Hintergrund

Schließlich war dies auch mein erster Tag (bei Licht) auf den georgischen Straßen. Und es war teilweise einfach verrückt. Auf den Straßen tummelte sich wirklich alles was Beine hat. Kühe, Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen, Hühner, Hunde, Katzen. Und das in großer Zahl. Die Autofahrer überholten an den unmöglichsten/ gefährlichsten Stellen und fuhren mit ihren ausgemusterten, halb kaputten europäischen Markenmodellen wie die Verrückten. Eine zweispurige Straße (mit jeweils einer Spur pro Richtung) war quasi permanent eine dreispurige, da eine „dynamische Überholspur“ für beide Seiten geschaffen wurde. Die entgegenkommenden Autos mussten dann sehr, sehr weit nachts ausweichen und in der Mitte wurde überholt.

Poti beeindruckte mich mit seiner nicht vorhandenen Schönheit. Eine Industrie- und Arbeiterstadt. Eine wichtige Bedeutung hat diese georgische Stadt dennoch, da zahlreiche Güter im Hafen umgeschlagen werden – Mangan, Wein, Mais oder auch Holz. Aber auch aus Aserbaidschan gelangen zahlreiche Erdölprodukte via Poti in die weite Welt.

Meinen Zeltplatz fand ich an diesem Abend in einem Industriegebiet am Rande der Stadt. Frühmorgens war ich umzingelt von grasenden Kühen.

Die nächsten Tage sollten mich ins Landesinnere führen. Immer der Hauptstadt Georgiens, Tbilisi oder Tiflis, entgegen. Der Wind schlug mir kräftig aus östlicher Richtung kommend ins Gesicht und so kam ich doch nur spärlich voran. Die Straßen lagen unweit der schneebedeckten Gipfel parallel zum Kaukasus. Ich passierte zahlreiche kleine Dörfer in dieser landwirtschaftlich geprägten Umgebung. Ganz typisch waren hierbei die einfachen ländlichen georgischen Einfamilienhäuser.

Am Abend erreichte ich dann die drittgrößte Stadt Georgiens, Kutaissi. Da ich länger als erwartet in Batumi blieb, trampte Florent schon seit einigen Tagen alleine weiter. In Kutaissi holte ich ihn aber wieder ein und wir trafen uns auf ein paar Bier. Mit dabei war seine Mum. Die wohl günstigste Bar, die ich in meinem bisherigen Leben besuchte, fand ich in dieser Stadt. Und 2 Uhr morgens war es auch die einzig geöffnete. Es war eine ganztätig (24 Stunden lang) geöffnete Bar, die einen halben Liter Bier für umgerechnet 70 Cent verkaufte. Auch wenn die Lebenserhaltungskosten in Georgien günstiger sind als in Deutschland. 70 Cent für ein Bier aus dem Fass – unbeschreiblich günstig. Wirklich gut schmecken tat es dann aber auch nicht. Generell stach die Bar mit exzellenten Übersetzungsskills und einem ansprechenden, einheitlichen Design ihrer Karte hervor. Hier ein kleiner Einblick in die Karte.

jegliche Zeichen auf der Karte waren krumm und schief 😀
mit Florent und seiner Mum

Am nächsten Tag erkundete ich die City ein klein wenig. Das Stadtzentrum ist im Gegensatz zu den anderen georgischen Städten mittelalterlicher Prägung. Über die Stadt ragt die Klosteranlage Gelati hervor. Eine weitere „Sehenswürdigkeit“ ist die weiße Brücke über den Fluss Rioni.

Bis in die Hauptstadt Tiflis waren es noch gute 230 km. Bis nach Kutaissi war es größtenteils flach, weshalb die nun hügeliger werdende Landschaft von mir geschätzt wurde. So bog ich nach 15 km auf den neu gebauten Highway ab.

Here we go!

Ich erreichte als nächstes die Metallindustriestadt Zestafoni. Ein riesiges stillgelegtes Metallverarbeitungswerk von einem der größten georgischen Unternehmen (Georgian Manganese) begrüßte mich am Stadteingang. Weiterhin spielt die Metallverarbeitung die bedeutendste Rolle in Zestafoni. Besonders Eisenlegierungen werden aus der Stadt exportiert. In der ganzen Stadt war es enorm stickig und voller Smog.

Bahnhofsgebäude Zestafoni

Hinter Zestafoni bog die Straße in ein schmales Tal ab. Dort folgte ich einem Fluss, der sich durch das Tal schlängelte. Unterwegs traf ich auf einige Georgier, die mich auf selbstgebrannten Schnaps (Chacha) und Bier einluden. Der Chacha katapultierte mich direkt auf ein gutes Level und so machte der Tag doch gleich doppelt Spaß. 😀

georgische Party am Straßenrand!

So gestaltete sich der Weg nach Chaschuri (meiner geplanten Destination für diese Nacht) doch länger als erwartet. In dem Tal war ebenfalls reger Betrieb auf zahlreichen Baustellen. Derzeit wird der East-West Highway (neue Autobahn durch Georgien) noch fertig gebaut. Es wimmelte an chinesischen Schriftzeichen im ganzen Tal.

chinesischer (Bau-) Stützpunkt in Georgien 😉

Durch die zahlreichen Zwischenstops entlang des Weges wurde es schon wieder dunkel und ich war noch einige Kilometer von Chaschuri entfernt. Da mein Rücklicht ausfiel fuhr ich bei absoluter Dunkelheit einen langgezogenen Anstieg bis kurz vor der Stadt hinauf. Besonders bei Verkehr von hinten war ich doch mehr als vorsichtig, da ich um die georgische Fahrweise doch mittlerweile bescheid wusste. Zum Glück musste ich nicht bis zum absolut höchsten Punkt hinauf strampeln. Ein Tunnel durch den Berg machte es mir einfacher. Mit jedem Meter aufwärts wurde es um mich herum auch wieder weißer und kälter. Die Abfahrt war dann nochmal eine wirkliche Tortur. Mitten im Ort attackierten mich (oder mein Rad) dann noch zwei Hunde obendrein, welche mitten aus dem Schnee gesprungen sein mussten.Mit dem Hostel von Tamara und Christoph (via Warmshowers) fand ich dann eine tolle Unterkunft. Beide wurden an dem Abend aber von einem Schweizer Pärchen (Michelle und Silvan) abgelöst. Das Pärchen verbrachte bereits monatelang im Iran. Am nächsten Morgen bereiteten mir die Zwei sogar noch ein großartiges Frühstück zu. Danke nochmals. Wir unterhielten uns lange über den Iran und deren Erfahrungen. Wenn ich noch nicht neugierig gewesen sein sollte, dann war ich es spätestens jetzt!

ein Abschiedsfoto mit den Zweien oder Dreien 😉

Gegen Mittag startete ich meine vorerst letzte Etappe auf dem Weg nach Tiflis. Vom zweiten Teil meiner Reise in (wildwest) Georgien erfahrt ihr im nächsten Beitrag. Bis dahin und bleibt gesund. 🙂

Türkei #IX: „vom Wintereinfall und in Polizeiobhut“

Der letzte Tag im Schwarzmeergebirge war bis zum Anschlag mit Ereignissen gefüllt und so langsam realisierte ich, dass ich dem Transporter unglaublich dankbar sein muss. Das war ein unglaublich kräftiger Schneesturm und mit dem Fahrrad wäre ich da definitiv nicht fahrend durchgekommen.

Am nächsten Morgen wurden wir von einigen Familienmitgliedern noch auf einen Cay (Tee) im nahegelegenen Teehaus eingeladen.

Danke für den türkischen Tee!

Dieses riesige Gerät -vor dem Herrn- ist eine gewaltige Teemaschine! Sehr beeindruckend das Teil! Und die Dimension des Apparats symbolisiert sehr gut die Bedeutung türkischen Tees in der dortigen Kultur.

Ich schlürfte mit Florent (einem Tramper aus Frankreich) genüsslich an unserem Tee als sich auf einmal eine mir unbekannte Person zuwandte. Die Person breitete direkt vor uns wortlos eine Zeitung auf dem Tisch aus. Okay! Danke! Und nun?!

Niemand von uns zweien wusste direkt auf Anhieb, was gerade vor sich geht…

So schauten wir uns allesamt eher fragend an. Die Person zeigte dann auf einen kleinen Artikel am unteren Zeitungsrand. Ich warf einen Blick direkt auf diesen und erkannte das Foto, welches ich mit den Bauarbeitern am Vortag schoss, auf Anhieb wieder. Crazy! Das ist verrückt! Ich war in der türkischen Zeitung :-D!

kurze Übersetzung: Ein deutscher Radfahrer auf dem Weg nach Baku und dabei traf er auf die Bauarbeiter am Egribel Tunnel.

Frisch gestärkt und noch immer völlig geflasht, verabschiedeten wir uns von dieser super netten Familie! Danke nochmal :-)!

Florent und ich machten aus, dass wir uns am Abend wieder treffen wollten. Dieses Mal in Trabzon! Er hatte bereits ein Couchsurfing-Quartier für sich gemanaged. Er bot mir aber an, dass er auch für mich anfragen könnte. Tatsächlich konnten wir beide bei Abdurrahman und Ali unterkommen. Großartig!

Es nieselte leicht. Ich stellte mir vor, wie es denn jetzt in den Zentralen der Türkei aussehen würde. Ich war wirklich heilfroh, dass ich rechtzeitig an der Küste an. Hier war es noch um die 0 Grad warm und es nieselte nur leicht. Da die Familie etwas abseits vom Zentrum wohnte und ich nun einmal in Giresun war, fuhr ich zunächst in Richtung Zentrum. Wirklich spektakulär war diese Stadt definitiv nicht. Erwähnenswert ist vielleicht noch, dass es eine Festung gab, die über die Stadt ragte. Aber auch die folgenden Küstenstädte besaßen jeweils eine Burg.

Giresun (im Hintergrund die Burg)

So verweilte ich dann auch nicht allzu lange in Giresun und fuhr stattdessen in Richtung der 140 km entfernt liegenden Stadt Trabzon. Die Straßen an der Küste waren gut ausgebaut und so kam ich auf dem Standstreifen der Schnellstraße sehr gut voran.

die Küstenschnellstraße – gefühlt wie auf einer Autobahn

Es regnete mal mehr, mal weniger. Tolles Wetter fühlte sich definitiv anders an, aber es hätte natürlich auch schlimmer sein können. Die Straße entlang der Küste war größtenteils flach und wirklich intressantes entlang des Weges gab es nicht zu sehen. Wie auch, wenn schon mal 50 % der Umgebung Schwarzmeerwasser ist. Einige Tunnel gab es unterwegs immerhin, die für etwas Abwechslung sorgten. Aber im Grunde fuhr ich von einer Ortschaft in die Nächste.

Die Schwarzmeermetropole Trabzon erreichte ich dann auch planmäßig am Abend und nach diesem nassen Tag war ich wirklich sehr froh, dass wir bei den beiden unterkommen konnten.

Die beiden waren Studenten und teilten sich ein Apartment zusammen. Abdurrahman war begeistert von der Idee Couchsurfing, weshalb er sich dort anmeldete und wir waren mit die ersten Gäste.

mit Abdurrahman (2.v.l.) und Ali (2.v.r.) in Trabzon

Am nächsten Morgen fiel der erste Schnee in Trabzon – seit 3-4 Jahren! Normalerweise herrschen auch an den nördlichen, türkischen Küsten im Winter milde Temperaturen. Dieses Jahr war alles anders und deshalb fiel gleich eine riesige Menge an Schnee.

Zusammen gingen wir in die Stadt und verirrten uns zunächst im Stadtmuseum von Trabzon. Alles war in türkischer Sprache -natürlich- und so nur schwer zu verstehen. Aber Trabzon schien eine sehr bewegte Geschichte hinter sich zu haben. Mal Teil des byzantinischen Reiches, mal unter Mongolenherrschaft, mal unter russischer Einflussnahme. Aber schon immer war die Stadt ein bedeutendes Handelszentrum.

Zurück auf den Straßen Trabzons verließen so einige Schneebälle unsere Hände. Es war schon mächtig ungewöhnlich anzusehen, wie reife Orangen oder satt grüne Palmen von einer Schneeschicht umhüllt wurden.

Um die Ecke lag ein Cafe mit einem ganz extravaganten Stil. Es wurde ganz zu Ehren der berühmten Harry Potter-Filme gestaltet und bot ein wirklich einzigartiges Ambiente. So war das Lokal mehr eine Art Museum, denn ein Cafe.

Weiter ging die Erkundungstour. Mittlerweile empfanden wir gefallen am „herumtoben“ im Schnee. Wir erklimmten den Hügel rund um das ehemalige Frauenkloster von Trabzon. Oberhalb der Stadt funktionierten wir eine Plastetüte in einen Schlitten um und schon ging es den Berg herunter. Die Idee funktionierte besser als erwartet und sobald die Spur platt gedrückt war, bekam man ganz gut Geschwindigkeit. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal so viel Spaß beim „im Schnee spielen“ hatte haha. Weiter hangabwärts schlossen sich Wohnviertel an den kleinen Berg.

Dort fuhren die Schlittenprofis bereits die Berge herunter. 😉 Auch hier gab es zwar keine richtigen Schlitten, dafür aber riesigere Plastetüten bzw. -säcke. Kurzerhand durften wir die Tüten/Säcke kurzzeitig übernehmen und den Berg herunterrauschen – für 50 m Abfahrt.

Ja.. anhand der Abfahrtslänge merkt ihr, was in diesen Gebieten normalerweise an Schnee liegt. Alle waren wie aus dem Häuschen und genossen deshalb die weiße Pracht umso mehr. Jeder auf seine Art und Weise.

In der Türkei gab es echt viele Süßigkeiten. Ein echt sweetes Land. 😉 So fanden wir uns schnell in einem türkischen Tortenladen wieder und genossen so einige Kalorienbomben.

verlockend!

Den Abend ließen wir dann noch entspannt mit einem Kartenspiel ausklingen.

Eine meiner absoluten Lieblingsfrühstücksspeisen bereiten die Zwei am nächsten Morgen zu: Sucuk und Ei! Und obendrein absolut traumhaft gewürzt. Und deftig ist das Ganze. Sucuk ist eine türkische Wurst, die kräftig gewürzt ist.

Mit dieser genialen Stärkung saß ich dann auch schon kurze später auf meinem Sattel mit Kurs Rize. Wobei ich erstmal nach meinem Fahrrad Ausschau halten musste…

..dick verschneit stand es da.

Die Straßen waren teilweise geräumt und so war ans Fahrrad fahren zumindest zu denken. Neben der Straße war aber alles dick verschneit. Mit Florent wollte ich mich dann am Abend wieder treffen. Bis dahin war wieder jeder auf sich alleine gestellt. Lets go.

Ungefähr 80 Kilometer von Trabzon entfernt lag die nächste Stadt Rize. Auf ungefähr halber heutiger Strecke zog ein kleinerer Schneesturm auf. Die Sicht wurde aufgrund des stärker werdenden Schneefalls immer schlechter. Besonders meine Füße froren an dem Tag außergewöhnlich stark. Schließlich befand sich sehr viel Schmelzwasser auf der Straße, welches beim fahren aufspritzte und dann in meine Schuhe durchsickerte. Abends wurde es dann sehr, sehr schnell richtig kalt und so bildete sich nicht nur eine Eisschicht auf der Straße, sondern auch auf meinen Schuhen.

eine Mischung aus Eis und Eis auf den Straßen

Es war mittlerweile spiegelglatt. Die Straße war zudem mit Spurrillen überzogen, die heimtückisch für jedes erdenkliche Fahrradradprofil waren. Und so fuhr ich wirklich sehr, sehr langsam der Stadt Rize entgegen. Zudem sammelte sich so viel Eis und Schnee in der Gangschaltung an, dass ich diese nicht mehr benutzen konnte. Auch meine Hinterradbremse funktionierte aufgrund dessen nicht mehr. Extreme Bedingungen zum Fahrrad fahren! An diesem Tag endete auch meine derzeitige türkische Sim-Karte und so war ich völlig ohne Netz am Abend unterwegs. Ich versuchte einen Wifi-Hotspot in der Innenstadt zu entern, um mit Florent in Kontakt kommen zu können. Zufälligerweise fanden wir uns dann aber von selbst in der kleinen Innenstadt.

Besonders bekannt ist Rize für seine Teeanbaugebiete an den Hängen hinter der Stadt. Aber auch die lokale Universität trägt einen sehr bekannten Namen. Sie wurde nach dem derzeitigen Präsidenten der Türkei (Recep-Tayyip Erdogan) benannt.

ein Gebäude der Universität

Da es auch heute Abend mittlerweile schon dunkel war und wir noch keine Möglichkeit gefunden hatten, wo wir denn hätten schlafen können, erzählte mir Florent von einem kleinen Moscheeraum nah zum Stadtzentrum. Wir begaben uns direkt dort hin und fanden tatsächlich einen kleinen Gebetsraum vor.

Der Gebetsraum lag direkt am Meer und an einem riesigen Parkplatz. Direkt neben dem Raum war eine kleine Polizeitstation und wir beschlossen nachzufragen, ob wir denn eine Nacht dort drinnen schlafen könnten. Der Beamte war super freundlich und lud uns sofort auf einen Tee ein. Wir verweilten länger als geplant in der Station und immer mehr Beamten kamen für eine Pause/ zum Ende ihrer Schicht in der Station vorbei und waren natürlich sehr erstaunt über die ungewöhnlichen Gäste. Wir tollten im Schnee zusammen umher und aßen zusammen Abendbrot. Außerdem machten wir eine Schneeballschlacht. Einer der Polizisten brachte dabei eine immense Geschwindigkeit in seine Würfe. Die Bälle sausten gefühlt wie Pistolenkugeln durch die winterliche Nacht. Die Stimmung war wirklich zeitweise ausgelassen und das trotz der Sprachbarrieren. Am späten Abend kamen dann ein paar andere Kollegen hinzu, die uns allerdings etwas zu hartnäckig über Themen „rund um den Islam“ ausfragten.

mit einigen der Polizisten..

Mit gemischten Gefühlen ging ich erst spät nach Mitternacht schlafen. Florent wollte unbedingt sein Zelt im Schnee austesten und baute dieses mitten vor der Polizeiwache auf. Ich begab mich in den kleinen Moscheeraum 10 Meter entfernt von der Polizeistation. Ich hoffte, dass sich mein Fahrrad in der Nacht etwas vom Schnee befreien würde und ich so am nächsten Morgen wieder besser vorankommen würde. Tatsächlich taute das Fahrrad in dem Raum etwas auf. Auf der anderen Seite bildete sich -unabdingbar- eine kleine Pfütze in dem Raum, welche ich am nächsten Morgen nur notdürftig beseitigen konnte. 😀

Leider entdeckte ich am Morgen auch rund um die eine Fixierung meines Gepäckträgers einen Riss in meinem Aluminiumrahmen. Shit! Auch das Fahrrad zahlte nun den harten Tagen im Winter den ersten Tribut. Ich hoffte auf einen Aluschweißer entlang meines Weges in den nächsten Tagen. Aber noch gab es ja drei Halterungen für den Gepäckträger. Also alles safe, oder?!

die frühmorgendliche Hiobsbotschaft wurde notdürftig geflickt

Die Sonne schien an diesem Morgen sehr, sehr kräftig und so war ich doch guter Dinge, dass uns ein schöner Tag bevor stand. Schließlich waren es auch nur noch 125 km bis zur georgischen Grenze. Ein neues Land könnte ich also bald aus eigener Kraft erreicht haben.

Wir verabschiedeten uns von den Polizisten, die aber mittlerweile nicht mehr dieselben waren. Batumi in Georgien wurde als Treffpunkt für heute Abend auserkoren und schon ging wieder jeder seiner Wege.

Über den Parkplatz musste ich mir dann erstmal meinen Weg durch die Schneemassen schiebend und hievend bahnen. Kaum auf der Straße, lag ich auch schon das erste Mal. Die Straße war doch noch glatter als erwartet.

immer entlang der Küste bei wundervollen Winterwetter

Nach einigen Kilometern traf ich dann auf die ersten Tourenradler -seit gefühlten Jahren. Ein Pärchen aus Belgien, welches auf den Weg -ebenfalls- in die Mongolei war. Eine Fahrradreise in die Mongolei als Hochzeitsreise. Das fetzt -war mein erster Gedanke über die Zwei. 🙂

Wir fuhren einige Kilometer zusammen, bis die Zwei eine Pause machen wollten. Ich fuhr weiter die türkische Küstenstraße entlang gen Georgien. Ich sah wortwörtlich zugeschneite Ortschaften entlang der Straße. Die ganze Dorfgemeinschaft zusammen versuchte die Schneemassen aus dem Ort zu schaffen. Bagger und Bulldogs halfen dabei. Zwischen dem Winterdiensttreiben wurden Orangen verkauft. Ein außergewöhnliches Bild.

in einem der Orte wurde gegen den Schnee gekämpft

Die Sonne taute den Schnee und das Eis superschnell auf. Überall wo die Sonne schien, war es sehr, sehr nass. Im Schatten bedeckte die Straße aber weiterhin eine dicke Eisschicht und hier galt besondere Vorsicht. Ansonsten fand man sich schneller auf dem Boden wieder als einem lieb war.

Auf einmal sprang ein ganz verrückter Mensch entlang der Straße aus seiner Hütte. Mitten im Nichts. Ohne Shirt und irgendeine Bekleidung obenherum wunk er mir bei winterlichen Temperaturen zu und wollte mich zu sich einladen. Sonnenschein scheint in der Türkei automatisch Sommer zu bedeuten. Wenn ich seinem Outfit nach urteilen darf. 😉

Später traf ich wieder auf die zwei Belgier und zusammen wollten wir nach Georgien einreisen.

das belgische Pärchen auf spiegelglatter Straße

Es wurde aber schon langsam dunkel und so entschieden die zwei noch eine Nacht in der Türkei zu schlafen. So fuhr ich die letzten Kilometer wieder alleine in Richtung Grenze. Über die türkisch-georgische Grenze kann man in den verschiedensten Foren die wildesten Geschichten lesen. Von Einreiseverweigerugen, strikten Kontrollen, stundenlangen Be-/(Aus-) fragungen und unfreundlichen Grenzern findet man definitiv so einige Geschichten. Deshalb war ich auch etwas angespannt als ich mich der Grenze näherte. Für stundenlange Kontrollen hatte ich definitiv keine Zeit, da ich immer noch keine neue Sim-Karte hatte und nicht in der tiefsten Nacht in Georgien ankommen wollte. Mit einem letzten Sonnenuntergang verließ ich sehr, sehr schnell die Türkei dann schon mal und ohne Probleme.

Danach fuhr ich durch einen kleineren Tunnel und gelangte zur georgischen Grenzstation. Hier traten in der Vergangenheit vermehrt -wie nachzulesen ist- Probleme für Fahrradfahrer auf. Ein nettes, unaufgeregtes Gesicht wurde aufgesetzt und schon ging es zur Passkontrolle. Der Grenzerin überreichte ich meinen Pass, dem anderen Grenzer beantwortete ich ein paar kurze Fragen und schon war alles vorüber. Das war wohl eine der smoothesten Einreisen nach Georgien. Glück gehabt. Nice!

Die letzten Kilometer bis in die georgische Küstenstadt Batumi schrubbte ich dann noch problemlos herunter. Florent hatte bereits ein Hostel organisiert, in welchem ich mich kurze Zeit später dann auch ein fand.

Georgien ist definitiv ein wildes, chaotisches Land! Meine Erlebnisse werde ich im nächsten Blogeintrag schildern. Ich habe zwischen zwei Ländern wirklich noch nie einen so gewaltigen Gegensatz gesehen. Und endlich gab es wieder eine größere Auwahl an Bier!

Cheers!

Türkei #VIII: „vom Schneesturm im türkischen Schwarzmeerküstengebirge“

Am nächsten Morgen besuchte ich noch schnell Abdul Hamid. Er arbeitete in der familieneigenen Bäckerei und hieß mich mit einigen Brüdern und selbstgebackenen Leckereien willkommen. Ebenfalls bekam ich noch ein Lunch-Paket (bestehend aus Pide und Cörek (Teigteilchen)) mit auf dem Weg in Richtung Schwarzmeerküste/ Gebirge. Schweren Herzens verabschiedete ich mich von diesem super freundlichen Türken!

in der Bäckerei (Abdul Hamid mitte; zwei seiner Brüder rechts und links von Ihm)

Nicht nur wegen der großartigen Gastfreundschaft von Abdul Hamid, sondern auch weil fast alle Menschen mir in Zara am nächsten Tag zuwinkten/ grüßten, wird mir diese Stadt nicht mehr aus dem Kopf gehen…

Ich schaute auf die Karte und stellte vergnügt fest: nur noch 200 km bis zur Schwarzmeerküste! Wie lange hatte ich doch bis zum Kälteeinbruch gleich noch Zeit? Ach ja, richtig… 2 Tage! Mit der festen Überzeugung im Hinterkopf, dass ich (Voraussetzung keine größere Panne/ unerwartete Ereignisse) rechtzeitig an der Küste ankommen sollte, trampelte ich ohne groß nachzudenken los …

Auf der 200 km langen Etappe sollten zwei über 2000 m hohe Pässe liegen und es war Winter. Das war alles, was ich in dem Moment wusste und wissen wollte.

Ich fuhr zunächst in ein schneeweißes Tal und die letzten Häuser der Stadt verschwanden so langsam aber sicher hinter mir. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ich in wenigen Kilometern auf mehr als 2000 Metern überm Meeresspiegel sein sollte. Kaum war aber dieser Gedanke zu Ende gedacht, machte die Straße eine scharfe Kurve nach links und schon ging es ordentlich bergan. Die Stadt Zara lag auf ungefähr 1300 Höhenmetern und bis zur ersten Passüberquerung musste ich somit mehr als 700 Höhenmeter dazu gewinnen.

die Aussicht hinter Zara

Mit jedem Höhenmeter wurde auch gefühlt der Wind etwas kräftiger. Da ich aber durch den Berg geschützt wurde, merkte ich zunächst den Wind nicht ganz so stark. Immer mal wieder erfasste mich aber dennoch eine kleinere Schneewehe. Kurz vor der Passhöhe warteten noch zwei „scharfe“ Hunde auf mich. So wurde ich (mal wieder) für mehrere Minuten angebellt und verfolgt. So nervig!

Auf dem Pass war es dann richtig kalt. Da der Pass aber nicht der höchste Punkt des Berges war, merkte ich auch hier nicht so viel vom Wind. Erleichtert machte ich den ersten Haken hinter den Pass Geminbeli.

Pass Geminbeli (2010 m überm Meer)

Auf der anderen Seite warteten gute 1100 Höhenmeter Abfahrt auf mich. Nach den ersten Serpentinen ging es dann mehrere Kilometer relativ gradlinig bergab. Mittlerweile merkte ich den Wind auch deutlich stärker und so bewegte ich mich in rasanter Geschwindigkeit bergabwärts in Richtung nächster türkischer Stadt (Susehri). Ich fühlte mich mit all dem Gepäck auf dem Fahrrad, wie ein Geschoss, was den Berg hinunter feuerte! Das Bremsen war gefühlt zwecklos, da der Wind von hinten ungemein anschob. Die Straßen waren zum Glück weder vereist noch schlecht geräumt und so überlebte ich die Abfahrt schonmal bis zu einer Wasserfabrik (Murat Su) auf halber Strecke.

Dort hielt ich sofort an und da ich Kronkorken sammel, hoffte ich auf ein paar unbenutzte dieses Herstellers. Leider wurden alle Flaschen nur mit, für mich nutzlosen, Plastedeckeln verschlossen. Allerdings lernte ich Fatih, den Sohn des Chefs, kennen. Er spendierte mir sofort 12 Liter ihres Wasser. Grandios! 12 Liter Wasser würden aber 12 Kilogramm Zusatzgewicht bedeuten und so konnte ich leider nur die Hälfte dieses Wassers dankend annehmen.

Ein Selfie mit Fatih vor der Wasserfabrik

Es tat mal wieder so gut richtiges Wasser zu trinken, welches nicht gefroren war oder bereits Eisstückchen enthielt. Meine Wasservorräte konnten aufgrund der Temperaturen leider nicht den Aggregatzustand halten, den sie noch beim Kauf/Befüllen hatten. So trank ich in den winterlichen Tagen zuvor eher Eiswasser als flüssiges Wasser.

Ich war mittlerweile schon wieder so weit bergabwärts gerauscht, dass sich die schneebedeckte Landschaft mehr und mehr in ein tristes, eher brauntöniges Gelände verwandelte.

Wo ist der ganze Schnee?!

Die Kleinstadt Susehri ließ ich links liegen. Um mich herum war mittlerweile nun schon weit und breit kein Schnee mehr zu sehen – mit Ausnahme der schneebedeckten Berggipfel.

Mittlerweile fuhr ich auf Straßen, die weit unter 1000 Höhenmetern lagen und umso erschrockender sah ich kurz hinter dem Ort eine weitere kilometerlange Abfahrt in eine Talsenke herabstürzen..

Auch wenn ich wirklich sehr gerne bergabfahre, war mir bewusst, dass ich jeden weiteren Meter downhill sehr, sehr bald wieder bergauf fahren musste. Schließlich wartete der zweite große Pass -in nicht allzu großer Entfernung- auf mich. Nachdem ich weitere rund 200 Höhenmeter verlor und zwischen zwei Seen in der Talsenke hindurch fuhr, hatte ich den tiefsten Punkt auf dem Weg zur Schwarzmeerküste erreicht (rund 700 über Meeresspiegel).

eben noch schneeweiß; jetzt so farbenfroh

Gleichzeitig bog ich in der Talsenke nun auch in Richtung Osten ab. Bishin wurde ich glücklicherweise vom Wind doch meist verschont, doch mit der Kursänderung von Nord nach Ost änderte sich dies spürbar. Der Wind schlug mir nämlich direkt kräftig ins Gesicht und auf der ersten kleineren Auffahrt zum Wasserreservoir Camlica kam ich nur noch sehr spärlich voran. Der erste Gedanke nach dem Bewältigen von rund 50 Höhenmetern war: „das wird heiter werden!“ Schließlich musste ich mehr als 1500 Höhenmeter dazugewinnen…

Das atemberaubende Blau des Wasserreservoirs und die Landschaft um selbiges herum entschädigten aber für die oder andere Strapaze an diesem Tage.

Ich wollte an diesem Tag so weit wie nur möglich an die letzte größere Ortschaft vor dem Pass herankommen. Bestenfalls bedeutete dies, in einer Unterkunft in Sebinkirahisar zu übernachten. Dafür setzte ich alles auf eine Karte und strampelte bis tief in die Nacht hinein. Da ich abermals mehr als nur das Gefühl hatte, dass ich die gewonnenen Höhenmeter gleich wieder auf den nächsten Metern verliere, beschloss ich bei absoluter Dunkelheit um mich herum, den erst besten „Schlafplatz“ zu nehmen. Zwischen mir und der Ortschaft lagen einfach zu viele Höhenmeter und ich hätte die ganze Nacht durchfahren. Und das im Winter.. und ohne den Pass erreicht zu haben.

Sonnenuntergänge im Winter sind faszinierend!

Ausruhen – sollte deshalb erst einmal die Devise lauten. Für eine lange Zeit fand ich absolut keine wirkliche Gelegenheit um mein Zelt aufzubauen. Nirgends gab es entlang der Straße ein verlassenes Haus oder eine Tankstelle. Die Lichter der Ortschaften lagen viele Meter und Höhenmeter entfernt von der Straße. Minütlich wurde es immer kälter. Mehr und mehr verlor ich den Mut, dass ich doch bald einigermaßen „bequem“ schlafen könnte…

DOCH dann erblickte ich ein Bushaltestellenhäuschen mit Tür! Volltreffer! So dachte ich zumindest. Als ich die Tür öffnete schlug mir ein eigenartiger, ekliger Gestank entgegen. Ich leuchtete das kleine Betonhäuschen aus und stellte fest, dass ein Hund sein Geschäft hier verrichtet hat. Fuck it! So wurden die Hinterlassenschaften schnell hinausbefördert und ordentlich durchgelüftet. Es war zwar immer noch kein nach Rose duftendes Appartement, aber immerhin konnte ich mir jetzt einigermaßen bequem machen. Platz genug gab es zumindest. Ich hatte zudem vier sichere Wände um mich herum und die Tür wurde wieder einmal mit dem Fahrrad blockiert. Ungünstig war leider nur, dass es keinen Türrahmen gab und so die Tür nicht richtig mit dem Boden abschloss. So zog die ganze Nacht ein eisiger Wind in das Häuschen und die Nacht wurde bitterkalt.

Gegen 8:30 Uhr wachte ich auf ungefähr 1000 Höhenmetern in meinem „edlen“ Übernachtungsquartier auf. Sogleich ging es dann auch bergauf und ich quälte mich bereits mehr als nur ein bisschen gegen den Wind. In Richtung der Stadt. In Richtung des Meeres. Nach gefühlten Stunden und gerade einmal 10 km und 400 Höhenmetern hatte ich dann die letzte größere Stadt vor dem Pass erreicht. Es war mittlerweile Mittag und so kaufte ich mir ein paar kleinere Energy-Snacks im örtlichen Supermarkt für die vermeintlich letzten 800 Höhenmeter.

Doch Mutter Natur formte die Landschaft wieder einmal entgegen meiner Vorstellungen und Träume und so rauschte ich doch direkt hinter dem Ort wieder den Berg hinunter. Auf ungefähr 1000 Höhenmeter. Wie gewonnen, so zerronnen! Ich startete nach dem halben Tag also abermals auf der Höhe, auf welcher ich am Morgen bereits startete. 1200 Höhenmeter lagen definitiv vor mir..

Der Berg Egribel

So begann die eigentliche Auffahrt also nun in einer kleinen Schlucht entlang eines kleinen Baches.

Beginn der Auffahrt auf Berg Egribel

Nach wenigen Metern stoppte dann auch schon das erste Auto neben mir und versuchte mir irgendwas zu sagen. Ich verstand nur „problem“ und hatte zu dieser Zeit keine Ahnung, was er damit meinen könnte.

Die ersten richtigen, knackigen Anstiege ließen auch zunächst etwas auf sich warten und so fuhr ich parallel mit leichter Steigung zu diesem kleinen Bach. Gleichzeitg drückte mich der Wind enorm in Richtung Pass. Ich musste teilweise nur noch den Lenker ausrichten und der Wind pushte mich den Berg hinauf. Crazy! So etwas habe ich noch nie erlebt..

Ich kam dann doch mit weniger Kraftaufwand als erwartet dem Pass immer näher. Ein weiteres Auto stoppte. Eins der wenigen und diesmal wurden die Fahrer etwas energischer. Auch sie sagten etwas von „problem“ dort oben, aber sie kamen doch erst grade von dort oben. Obwohl der Wind wirklich ziemlich kräftig war, konnte ich mir beim besten Willen nicht ausmalen, wieso denn der Pass unpassierbar für mich sein könnte. Sie wollten mich aber unbedingt zum umkehren überreden und versuchten Google Translator zu benutzen. Auf mittlerweile 1600 Metern hatte aber niemand von uns ausreichenden Internetempfang und so kam keine Konversation zu stande. Nachdem dies nicht klappte, sah ich nur, dass sie jemanden anriefen. Wenige Augenblicke später hatte ich das Telefon am Ohr und sprach mit einer deutsch sprechenden Frau aus der Schweiz. Sie warnte mich mit aller Dringlichkeit davor, weiterzufahren („wenn ich weiterfahre, dann würde ich sterben“). Das klang definitiv deutlich! Ich fragte Sie deshalb, wieso es denn auf dem Pass so gefährlich sei?! Ihre Antwort war nur: „SCHNEESTURM“.

Ohhh..das macht bei dem Wind durchaus Sinn!

Anschließend musste ich ihr noch hoch und heilig versprechen, dass ich nicht weiterfahre. Da ich aber nicht die Kilometer gegen den Wind nach Sebinkirahisar zurückfahren wollte und ohnehin auf meinen letzten 100 km bis zur Schwarzmeerküste gewesen bin, beschloß ich für mich, trotzdem bergauf weiterzufahren. Zur Not getrampt – so war zunächst einmal der Plan. Und so dolle wird der Wind schon nicht auf dem Pass wehen…

Mir blieb auch nichts anderes übrig als mich zu entscheiden. An Ort und Stelle wäre es auf jeden Fall ungemütlich geworden…

Mit einer großen Portion Hoffnung und Ungewissheit kämpfte ich mich langsam weiter bergauf und hielt nebenbei nach einem Pick-up ausschau. An dem Tag sah ich generell so gut wie kein Auto und schon gar keinen LKW. Irgendwie eigenartig war es mir schon..

Auf ungefähr 1800 Metern Höhe wartete bereits ein wilder Hund an einer Baustelle auf mich. Ich sah zudem zahlreiche Bauarbeiter auf dieser Höhe im Winter hart arbeiten. So beschloss ich kurzerhand die Bauarbeiter entscheiden zu lassen, ob ich die Passüberquerung alleine versuchen sollte oder ob es wirklich an dem Tage keinen Sinn macht. Wenn jemand Ahnung haben konnte, wie es da oben wirklich aussieht, dann die Arbeiter, die tagtäglich hier arbeiten.

Zunächst wurde ich erst einmal zu einer angenehm warmen Tasse Tee in einen ihrer Aufenthaltscontainer eingeladen. Obendrein wurde mir noch etwas Gepäck angeboten und so fühlte sich das Treffen mit den Bauarbeitern, wie eine nette, nachmittags Kaffeerunde am Ofen an. Nur die Kommunikation hakte etwas. Irgendwann kamen weitere Bauarbeiter hinzu und mittlerweile war der kleine Aufenthaltsraum brechend voll. Immerhin einer der Bauarbeiter hatte auf dieser Höhe und bei diesem Wetter Empfang und so konnten wir etwas über Google kommunizieren. Er erzählte mir, dass sie (alle hier) gerade einen Tunnel durch den Berg bauen, der in drei Jahren fertig sein soll. Ein Milliardenprojekt, nur um einen Pass zu umfahren. Hmmm. So langsam kam ich ins grübeln, was denn mich tatsächlich da oben erwarten sollte..

Irgendwann fragte ich die netten, hilfsbereiten Bauarbeiter, ob sie nicht eine Idee hätten, wie ich heute noch zur Schwarzmeerküste kommen könnte!? Ich hoffte darauf, dass sie mich mit einem ihrer Lastwagen für etwas Geld über den Berg nehmen würden. Notfalls auch erst am Abend nach ihrer Arbeit. Die Idee fand keine große Zustimmung, stattdessen wollten sie einen Truck für mich anhalten.

Einen Truck?! Ich habe keinen einzigen an dem Tag gesehen..das wird heiter werden, dachte ich. Keine 30 Minuten später rollte ein kleiner Lastwagen mit einer winzigen Ladefläche auf das Baustellengelände. Um die Ladefläche herum, war eine Plane gespannt. Und die Plane war voller Gemüsebilder. In dem Moment ahnte ich natürlich noch nicht, dass das mein Transporteur über den Berg sein sollte.

Ich schlürfte noch genussvoll an meinem Tee als es auf einmal hektisch wurde. Mein Transporteur war ready zur Abfahrt und musste es schnell gehen. Doch zunächst wurden noch zahlreiche Andenkensbilder mit den Bauarbeitern geschossen..

mit den Bauarbeitern

Es war tatsächlich der bereits beschriebene Gemüsetransporter, welcher mich mit über den Pass nehmen sollte. Dieser kleine LKW, sollte also besser gegen den Schneesturm gewappnet sein…

Immerhin stand etwas von Giresun auf dem Lastwagen. Die Richtung stimmte schon mal.

Kein Allrad, keine Schneeketten, keinerlei Werkzeug und nur so dünne Reifen, sollten also ausreichen, um durch den lebensgefährlichen Schneesturm zu gelangen?! Überzeugt war ich definitiv in anderen Momenten! Aber was blieb mir anderes üblich.

Die Ladefläche war auch nur spärlich geladen und auf ihr fand sich dann auch kein Obst oder Gemüse wieder, sondern ein kleine Ladung an Kieselsteinchen. Mein Fahrrad und ich wurden dann in Windeseile auf die Ladefläche gehievt und ich konnte noch nichtmal mein Fahrrad richtig sichern, da setzte sich der Truck schon in Bewegung -und nicht nur langsam, sondern rasant. Ich kniete auf dem Boden der Ladefläche und versuchte mein Fahrrad gegen die Außenplane zu pressen. Je nachdem in welche Richtung die Kurve ging, flog ich mal mehr, mal weniger auf der Ladefläche umher. Zum Glück gab es zur Fahrerkabine eine kleines Fenster und so konnte ich die Strecke vor mir live sehen.

Zunächst veränderte sich auch erst einmal nicht viel. Hüben wie Drüben war es weiß; die Straße war größtenteils geräumt, es ging bergan und kleinere Schneewehen wehten auf die Straße.

Es begann ab ungefähr 2000 Höhenmetern, dass die Straße größtenteils durch Räumfahrzeuge blockiert wurde, welche ihr bestes versuchten, die Straße frei zu räumen. Mittlerweile wehte nämlich der Wind deutlich kräftiger den Schnee auf die Straße und der Fahrbahnbelag verschwand immer mehr unter einer dicker werdenden Schneeschicht.

Zunächst bewegten wir uns auch noch recht schnell den Berg hinauf. Mit jedem Höhenmeter verringerte sich aber die Geschwindigkeit und die Sicht wurde immer schlechter. Ich habe noch nie so wenig vor mir, wohlbemerkt zum frühen Nachmittag, gesehen. Wir fuhren gefühlt in die Nacht hinein. Nichts mehr konnte ich von der Straße sehen. Entgegenkommende Autos konnte man nur noch im allerletzten Moment durch das Scheinwerferlicht wahrnehmen…so etwas habe ich noch nie erlebt! Ich habe den allergrößten Respekt dem Fahrer gegenüber, der das Gefährt durch das Nichts manövrierte. Er fuhr wohl nicht zum ersten Mal hier über den Berg Egribel…

Zu jeder Seite -Rechts und Links- umgaben die Straße zwei Meter hohe Schneeberge. Dadurch sah man überhaupt nichts mehr. Wir bewegten uns mittlerweile nur noch in Schrittgeschwindigkeit durch die „Nacht“. Mir schmerzten die Knie immens und ich war froh, dass ich bei der Geschwindigkeit mal meine Position wechseln konnte -ohne dabei Gefahr zu laufen, dass ich auf der Ladefläche umher fliege. Schneeweiß war ich obendrein, da die Planen die Schneewehen nicht wirklich aufhalten konnten. Und ziemlich kalt war es auch noch. Immerhin konnte ich in der Sekunde auch mal noch ein paar Klamotten anziehen, um noch etwas wärmer verpackt zu sein.

Durch ein Loch im Boden der Ladefläche konnte ich erkennen, dass wir uns immer noch weiterbewegten und nicht liegen geblieben sind…

Ein Auto kam von vorne! Shit! Wir mussten die Fahrrille verlassen und nach rechts ausweichen. In Richtung der Schneemassen… Ich hoffte nur, dass wir auch ohne Allrad wieder in die Fahrrille zurückkommen konnten. Das Auto passierte uns. Die Räder drehten durch -zunächst- doch zum Glück setzte sich der Truck danach wieder in Bewegung und wir konnten unsere Fahrt fortsetzen. Mittlerweile ging es schon wieder bergab. Die Straße fühlte sich etwas glatt an. Hoffentlich rutschen wir nicht in die Schneemassen.. dachte ich.

Ein weiteres Auto kam den Berg hinauf. Wir mussten also wieder ausweichen und in Richtung der Schneemassen zur rechten Seite abbiegen. Das Auto war vorbei und wir hätten uns wieder in Bewegung setzen können..

Aber die Räder drehten erneut durch und dieses Mal drehten sich nicht nur die Räder, sondern gleich der ganze LKW in Richtung der Schneemassen. Der Fahrer probierte den Rückwärtsgang aus. Wieder schlugen die Räder durch. So wackelten wir etwas vor und zurück. Und drehten uns dabei immer in Richtung Schneewand. Irgendwann standen wir fast quer zur Straße. Es gab kein vor und kein zurück mehr! Damn -wir stecken auf 2100 Höhenmetern im Schneesturm fest! Ohne Schneeketten, ohne Werkzeuge, ohne Allrad, ohne Schleppseil..ohne etwas. Nur eine kleine Schaufel sah ich auf der Ladefläche neben mir umherfliegen. Einer der beiden Türken sprang aus dem LKW und gab mir mit einem Zeichen zu verstehen, dass ich auch von der Ladefläche kommen sollte. Ich sprang ebenfalls von der Ladefläche. Dabei erfasste mich eine Schneewehe und schleuderte mich auf den Boden. Ich kam so etwas unsaft zur Landung und nur schwer zum stehen, da der Boden ziemlich glatt war. Erst Windschatten des Trucks hatte ich wieder Schutz. Und ja…der Schneesturm war definitiv existent!

Der Beifahrer war nur mit einem dünnen Hoodie bekleidet und ohne Handschuhe unterwegs. Ich fühlte mit ihm und bot ihm Klamotten von mir an. Er schnappte sich die Schaufel und begann vor/ unter den Vorderrädern den Schnee wegzuschaufeln. Nun sah man sie, die Eisschicht… Auf dieser war es unmöglich mit den nackten Rädern voranzukommen. Mir kam die Idee mit meinem Gaskocher, die Eisschicht aufzutauen und dann zu hoffen, dass die Räder wieder einen festen, stabilen Untergrund vorfinden würden…

Mittlerweile kam ein Räumfahrzeug den Berg im Schneckentempo herunter gekrochen. Wir hofften, dass dieses kräftige, dem Winter trotzende Fahrzeug uns vielleicht zurück auf die Strecke schleppen könnte. Wir schrien und gestikulierten wild dem Fahrer entgegen und bemerkten dabei, dass auch das Raumfahrzeug nur noch mit sich selber beschäftigt war und versuchte dem Schneesturm zu trotzen. Sobald man auf dieser Strecke anhielt, war es hart, wieder zum fahren zu kommen.

der Truck steckte fest

Ein weiteres Auto rollte langsam dem Berg herunter. Ein Jeep. Er beschloss anzuhalten und uns zu helfen! Mega! Nahte die Rettung?

Auf Türkisch wurde sich kurz ausgetauscht. Der Fahrer holte ein dünnes Seil aus seinem Jeep heraus und knotete es notdürftig an unseren Truck.

Ich sah, dass er Schneeketten um die Reifen gelegt hatte und so hoffte ich doch, dass er genug Stabilität auf diesem Untergrund vorfinden würde. Wir sprangen wieder auf den Truck. Der Jeepfahrer startete den Motor und setzte sich langsam in Bewegung. Das Seil straffte sich immer mehr. Die Spannung -nicht nur des Seiles- stieg ins Unermessliche. Alle Hoffnung hing nun -nicht nur der Truck mit uns- an diesem dünnen Faden!

Wir merkten wie eine Kraftübertragung auf den Truck stattfand und das Seil definitiv stramm, überstramm war. BENG! Das Seil riss…

S***! Wie es eben so kommen musste..

Alle Hoffnung war dahin! Was nun? Das Seil schien absolut nicht stabil genug zu sein…

Aber das Positive war nun, dass wir immerhin zwei neue Versuche hatten. Oder doch nur einen? Die beiden (nun) Hälften wurde wieder befestigt. Nun hatten wir zwei übereinander liegende Seile. Doppelt hält hoffentlich besser. Das einzige Problem war, dass wir dem Jeep nun -zumal es gelingt uns freizulegen- sofort im Heck hängen würden. Wieder sprangen alle Beteiligten in ihre Gefährte.

Jeder war mittlerweile halb erfroren und schneeweiß. Ich hatte immerhin mehrere Schichten zuvor übereinander gelegt und war somit besser geschützt als einer meiner Fahrer, der weiterhin nur seine zwei Klamotten anhatte. Das Adrenalin muss ihn wohl warmgehalten haben -und mich im Übrigen auch.

Ein Ruck und der Truck bewegte sich wieder. Langsam wurden wir behutsam zurück in die Fahrrille gezogen und konnten die Fahrt fortsetzen…

Tausend Dank an diesen Jeep! Es war wohl eines der letzten Autos, welches an diesem Tag den Pass überqueren sollte.

Wir fuhren weiter bergab und langsam wurde es wieder heller. Ich konnte die Straße wieder erkennen und wollte unbedingt wieder Fahrrad fahren. Nach wenigen Kilometern abwärts gab ich den beiden Fahrern zu verstehen, dass ich gerne selber weiterfahren wollen würde. Schließlich hatte ich die längste Abfahrt in meinem Leben vor mir! Von über 2200 Metern bis zum Meer (auf 0m!) hinunter! Crazyyy! Und dieses -vermutlich- einmalige Erlebnis wollte ich gerne hier und jetzt erleben.

Der kleine Truck stoppte. Ein letztes Andenkensfoto wurde geschossen und ich saß wieder auf meinem Rad.

der Truck und meine zwei Retter

Das Schlimmste schien definitiv hinter mir zu sein! Oder war es doch nur der trügerische Schein?

Ich war voller Vorfreude auf die wohl längste Abfahrt in meinem Leben. Noch immer waren es bis zu 90 km bis zur Küste und auf diesen musste ich nun (nur noch) 2000 Höhenmeter verlieren. Schnell rechnete ich im Kopf mein Gefälle aus und stellte dabei fest, dass es nun wahrscheinlich doch nicht nur bergab gehen wird (4,5 km = 100 Höhenmeter = rund 2% Gefälle). Das wird doch wohl nicht noch ein paar Steigungen geben?!

Die ersten Meter bergab waren definitiv steiler wie 2% Gefälle und so flogen die ersten Meter nur so an mir vorbei. Schon bald traf ich auf einen Tramper (Florent) aus Frankreich, der zunächst bis nach Vorderasien trampen und dann auf einem Pferd in die Mongolei reiten wollte. Wir verstanden uns auf Anhieb und so wollten wir uns am Abend in Giresun (am Meer) wieder treffen. Bis dahin wollten wir ein Rennen machen. Wir wollten sehen, wer schneller ist. Schließlich hat man als Tramper mal mehr Glück, mal weniger. Und mit 2000 Höhenmetern Abfahrt rechnete ich mir ernste Chancen aus.

Ich fragte ihn auch, ob er so einen Schneesturm schon einmal erlebt hat. Er schlief bei der Überfahrt -war seine Antwort! Für mich definitiv unerklärlich..

Als ich wieder auf dem Fahrrad saß, schlug mir auf einmal ein kräftiger Wind entgegen! Vielmehr sturmartige Böen, die von der Küste sich ihren Weg ins Land gebahnt haben. Ich musste bergab(!) hart in die Pedale treten, um überhaupt vorwärts zu kommen! Teilweise half treten nicht mehr und ich musste bergab(!) schieben. So einen Sturm habe ich noch nie erlebt. Und noch waren es mehr als über 80 km bis zur Küste..

Ich war völlig entmutigt und irgendwann entkräftigt und im Gebirge. Zur einen Seite ging es steil bergan, die andere Seite stürzte in die Tiefe. Ich befand mich eben auf einer Gebirgsstraße und Schlafmöglichkeiten gab es nicht wirklich.

So fuhr und schob ich weiter den Berg herunter. Sehr langsam, aber dennoch kam ich mit jedem Meter der Küste etwas näher.

Ich fuhr wieder mal auf meinem Fahrrad für einige Meter als mich eine unglaublich kräftige Böe packte und in Richtung rechte Straßenseite drückte -vielmehr schleuderte. Zum Glück war ich zu der Zeit in der Straßenmitte unterwegs und so konnte ich rechtzeitig reagieren und den Lenker wieder gegen die Windrichtung drücken. Wäre ich näher zum rechten Straßenrand unterwegs gewesen, wer weiß, wo ich jetzt sein würde..

Das war definitiv ein Weckruf. Ich beschloß von nun an, nur noch in der Mitte zu fahren. Autos passierten mich schon lange nicht mehr und da es keine wirkliche Abzweigung gab, kann es nur eine Schlussfolgerung geben, dass keine weiteren Autos mehr den Pass überquerten. Umso glücklicher schätzte ich mich im Nachhinein, doch diesen Kleintransporter als Transporteur gehabt zu haben.

Je tiefer ich kam, desto schneller kam ich nun auch voran. Das war auch dringend notwendig, denn es wurde schnell stockdunkel und noch immer hatte ich viele Kilometer vor mir. Meine Höhenmeter hatte ich nun größtenteils alle verloren und so ging es für die letzten 40 Kilometer mit einem sehr geringen Gefälle in Richtung Küste. Ich passierte einige kleinere Orte und versuchte noch in den Bäckereien entlang der Straße Simit (süßliches Mehrkorngebäck) aufzutreiben. Simit war aber leider überall ausverkauft und so gab es nur noch Brot (Ekmek) für mich zu ergattern.

Tatsächlich schaffte ich es noch an diesem Tag nach Giresun – bis an die Schwarzmeerküste! Unglaublich! Den Tag werde ich so schnell nicht vergessen! Und er war noch nicht vorbei..

Florent und Ich verabredeten uns in einem kleinen Restaurant, in welchem wir uns auch kurze Zeit später wieder trafen. Wir wollten beide an diesem Abend etwas Neues ausprobieren. Und zwar, wie es denn ist, in einer städtischen Moschee zu schlafen. Also warteten wir geduldig vor dem religiösen Gebäude bis deren Gebet vorüber war und fragten die ersten aus der Moschee stürzenden Menschen, ob wir in eben jener übernachten könnten. Sehr, sehr schnell waren alle Gläubigen aufmerksam und neugierig geworden. Und wir wurden wahnsinnig schnell an eine nette Familie vermittelt, die gleich neben der Moschee wohnte. Kurze Zeit später fanden wir uns in einem Raum wieder, inklusive zweier Betten, die auch direkt prompt für uns bezogen wurden. Ebenso wurden sämtliche Familienangehörigen herbeigerufen und selbst ein Nachbar, der normalerweise in Deutschland lebt und zur Zeit grade in der Türkei war, wurde direkt eingeladen.

Auch wenn die Kommunikation wieder etwas hakte und Google uns wieder einmal das Leben erleichterte -wenn nicht sogar rettete- war es ein sehr schöner Abend in Giresun! Tausend Dank nochmal an Familie Bektas!

mit Familie Bektas

Es ist immer wieder unglaublich schön zu erleben, wie aufgeschlossen, herzlich, einladend und hilfsbereit viele Menschen auf dieser Welt gegenüber Fremden sein können.

Nach dieser Gebirgsetappe gab es definitiv nichts Besseres als in einem Bett zu schlafen!

Im nächsten Beitrag erfahrt Ihr, wie ich dem Schneechaos an der türkischen Schwarzmeerküste trotze und wie wir eine Nacht in der Obhut der türkischen Polizei verbringen! Bis dahin 🙂

Türkei #VII: „von winterlichen Temperaturen und sommerwarmer türkischer Gastfreundschaft“

Endlich war es wieder so weit! Ich saß auf meinem geliebten Drahtesel, der mich weiter nach Osten bringen sollte. Die ersten Meter auf dem Fahrrad waren nach der anderthalb wöchigen Pause fast schon etwas wacklig. Mit einem letzten, am Himmel majestätisch dahinschwebenden Ballon verließ ich diese ihresgleichen suchende Landschaft. Auf jeden Fall will ich mal wieder dort sein – im Sommer – der Entschluss steht.

ein letztes Foto aus Göreme

Ein kurzer Prolog zu dieser Etappe in der Türkei: Die Wettervorhersage versprach für die kommende Zeit nichts Gutes. Es sah so aus, dass ich maximal eine Woche Zeit haben würde, bis eine richtige Kältewelle über die Türkei herfallen sollte – besonders über die Zentraltürkei. Die ursprüngliche Idee war, ab Kayseri in Richtung Süden zu fahren, um Ende Januar am Mittelmeer zu sein. Schließlich herrschten dort zu dieser Jahreszeit noch jeden Tag um die 15-20(!) Grad Celsius. Anschließend hätte ich gerne Teile der im Südosten gelegenen türkischen Kurdengebiete bereist – dies alles muss warten. Schließlich veranlassten mich die Wetteraussichten dazu, auf schnellstem Wege die Schwarzmeerküste zu erreichen, da ich nicht die Kältewelle im Süden aussitzen wollte.

neue (grün) gegenüber ursprünglicher Route (blau); Quelle: Google Maps

Anstatt der geplanten 1.600 wollte ich nun in fünf Tagen ungefähr 600 km bewältigen. Klang zunächst erst einmal machbar.

Die ersten Kilometer fuhr ich zunächst erst einmal leicht auf und ab. Rechts und links erblickte ich eine kleinere Schneeschicht die Erde bedecken. Die Temperaturen lagen tagsüber weiterhin rund um den Gefrierpunkt; der Wind hingegen war nicht mehr so störend wie die Tage vor meiner Krankheit.

winterliche Temperaturen in der Türkei

Ich erreichte einen ersten Check – Point der Jandarma (Gendarmerie). Dort hielten sich, wie an ziemlich jeden Check – Point, zahlreiche wilde Hunde auf. Als sie mich erspähten jagten natürlich sofort die ersten Tiere los. Unglücklicherweise mussten einige dafür die Straßenseite wechseln und einer der Hunde wurde von einem Auto erfasst. Knall! Auf einmal flog ein Hund mittlerer Größe durch die Lüfte und landete vor mir auf der Straße. Damn! Mit offenem Mund kam ich so langsam zum Stehen…

Alle anderen Hunde umringten sofort ihren Freund, der herzzerreißend jaulte und offensichtlich noch am Leben war. Crazy – was so ein Hund alles einstecken kann! Die Fahrer des Autos stiegen aus und gaben ihm Wasser. Auch einige Paramilitärs vom Check – Point kümmerten sich um den Hund, so dass ich nach einem kurzen Augenblick des Innehaltens meine Fahrt fortsetzen konnte. Spätestens jetzt war ich munter …

Die nächste Millionenstadt auf meiner Tour war Kayseri. Außer einer „nagelneuen“ Straßenbahn (Eröffnung 2009) bleibt mir die Stadt eher weniger in Erinnerung. Ich fuhr auch deshalb nur einmal quasi grade durch.

alte Stadtmauer Kayseri

Einen der schlimmsten Platten hatte ich definitiv an diesem Tag. So fuhr ich in Gedanken versunken auf dem Seitenstreifen dahin und übersah eine zerbrochene, scharfkantige Glasflasche. Innerhalb nicht einmal einer Sekunde war mein Vorderrad leer und ich musste bei 1 Grad Celsius den Schlauch reparieren. Die Reparatur konnte ich mit meinen Handschuhen nicht bewerkstelligen, weshalb meine nackten Hände nach kurzer Zeit komplett rot und gefühlt erfroren waren. Leider war nicht nur der Schlauch komplett zerstört, sondern auch der Mantel durch das scharfkantige Glas kräftig in Mitleidenschaft geraten – das schrie obendrein nach einem Mantelwechsel.

geile Farben am Abendhimmel

Zurück auf den winterlichen Straßen benötigte ich so langsam aber sicher einen Schlafplatz. Irgendwie wollte ich an diesem neuerlichen Wintertag nicht in meinem Zelt schlafen und so hoffte ich auf ein baldiges Erscheinen einer Moschee oder Tankstelle. Da ich mich aber auf einem langgezogenen Anstieg befand, erschien lange Zeit weder das eine noch das andere…

Endlich kam auf der anderen Straßenseite eine kleine Tankstelle. Ich wechselte direkt die Straßenseite und versuchte natürlich sofort mein Glück, ob ich irgendwo in dem Haus auf dem Fußboden hätte schlafen dürfen. Zum Glück waren die beiden anwesenden Menschen unglaublich freundlich, weshalb ich tatsächlich in der Tankstelle übernachten durfte. Ich bekam sogar eine Matratze gestellt – auf der wollte ich aber absolut nicht meinen Schlafsack ausbreiten. Die Matratze war mal sowas von eklig …

Am nächsten Morgen fand ein Schichtwechsel in der Tankstelle statt. Leider konnten beide Männer überhaupt kein einziges Wort Englisch, weshalb die Kommunikation mehr als schwerfällig war. Doch ein paar Informationen bekam ich dann doch noch aus Ihnen heraus. Die Tankstelle liegt abseits größerer Siedlungen, weshalb die Arbeiter jeweils für mehrere Tage dort auch schliefen und kochen mussten.

Am 03.02.2020 wollte ich nach Sivas kommen. Nach ungefähr 50 km erreichte ich die kleine Stadt Gemerek. In der Kleinstadt gab es keine asphaltierten oder betonierten Straßen. Die Wege waren je nach Wetterlage mal mehr oder weniger matschig. Offensichtlich fehlte hier das Geld, um die Infrastruktur auf Vordermann zu bringen.

(nicht befestigte) Einfallstraße Geremek

Als es Abend wurde, war ich noch immer ein sehr gutes Stück von Sivas entfernt. Das selbe Problem, wie am Vortag trat (ganz unerwartet 😉 ) auf.

ein Stück blauer Himmel

So musste ich spontan wieder einen Platz zum Schlafen finden. Da ich auf mehr als 1400 Höhenmetern mittlerweile unterwegs war und der Wind ziemlich pfiff, hielt ich auch wieder nach einer Tankstelle und/oder Moschee ausschau. Glücklicherweise fand ich auch an diesem Abend relativ schnell eine Tankstelle. Nach einem kurzen Gespräch mit den Tankstellenangestellten durfte ich im kleinen Moscheeraum der Tankstelle übernachten. Ein dünner Teppich wärmte immerhin etwas von unten gegen die Kälte. Bei Pide und Tee unterhielt ich mich mit den Tankstellenrestaurantangestellten und erfuhr, dass hier so manche Nacht die Wölfe auf Gänsejagd gehen. Sie wiesen mich deshalb ausdrücklich daraufhin, dass ich die Türe auch ja ordentlich verschließen soll.

neben dem warmen Ofen gab es Tee und nette Gespräche..

Es gab weder Wald noch andere Versteckmöglichkeiten in dieser Gegend und folglich kamen die Wölfe immer von weit her. Ich stemmte mein Fahrrad wieder von innen gegen die Tür und hoffte auf eine entspannte Nacht.

Ich schlief fest wie ein Murmeltier und wachte am nächsten Tag ausgeschlafen auf. Als ich die Tür öffnete, stellte ich allerdings fest, dass es kräftig regnete. Geiles Wetter – yeah!

Nach einem letzten Tee in der Tankstelle fuhr ich weiter. Doch schon nach wenigen Metern wandelten sich die Regenfälle in starke Schneefälle. Sehr schnell fand ich mich auf einer schneebedeckten Straße wieder. Der Verkehr kam beinahe zum Erliegen; nur wer eine Schneekette auf seine Reifen zog, kam überhaupt noch vorwärts. So war ich schneller als die Autos und Trucks.

Als ich nach 45 gefahrenen Kilometern endlich in Sivas ankam, waren meine Hände und Füße schon platschnass und erfroren. In Sivas gab es dann auch nicht ganz so viel zu entdecken. Und nachdem ich noch meinen kaputten Mantel in einem Fahrradgeschäft austauschen ließ (~19 Euro) ging es auch schon weiter in Richtung Zara.

Zara sollte hierbei die letzte größere Ortschaft vor dem Küstengebirge sein, welches ich auf dem Weg zum schwarzen Meer durchqueren musste. Auch zwischen diesen beiden Städten ging es wieder recht wellig zu.

auf dem Weg nach Zara

Es war bereits dunkel als ich Zara erreichte und nach diesem Tag wollte ich mal wieder in einem warmen Bett schlafen. Dazu brauchte ich ein Hotel. Mitten im Zentrum fand ich meinen Schlafplatz diesmal.

Ich brauchte zudem dringend etwas warmes zu essen und mir war ebenso nach türkischer Pizza (Lahmacun). In einem nahegelegenen Restaurant traf ich beim Bestellprozess auf Abdul Hamid, welcher mich direkt auf Lahmacum einlud. So cool – diese (sommer-)warme Gastfreundschaft! Wieder einmal erwies sich Google Translator als die einzige Möglichkeit, um überhaupt eine Konversation führen zu können. Nach dem Abendessen wollte er mir noch einen seiner Brüder vorstellen und so fand ich mich kurze Zeit später in einem traditionellen Teehaus wieder. Neben Tee, bekam ich auch ganz meinen Sehnsüchten nach warmen Getränken entsprechend, heiße Milch serviert. Anschließend machten wir noch eine Spritztour durch die Schneematschstadt Zara (die Pfützen waren teilweise bis zu 50 cm tief..).

mit Abdul Hamid

Am nächsten Morgen sollte ich vor meiner Weiterreise unbedingt noch auf seinem Arbeitsplatz vorbeischauen…

Was mich am nächsten Morgen erwartete und wie wohl die unglaublichste Passüberquerung (2200 Höhenmeter) ablaufen wird, erfahrt ihr alles im nächsten Beitrag!

Türkei #VI: Kappadokien – malerisches Göreme

Back in the game! Nach fast 10 Tagen Bettruhe fühlte ich mich wieder in der Lage, längere Zeit draußen unterwegs zu sein. Ein geschwollener Rachen, Fieber und Unwollsein benötigten doch deutlich länger meine Aufmerksamkeit, als ich es mir hätte erträumen können. Ein Glück fand ich mit der Pension Köse eine super preiswerte Unterkunft. So konnte ich mich in aller Ruhe auskurieren, ohne das mein Geldbeutel zu stark schrumpfte (6€/ Nacht – nach kurzer Verhandlung). Obwohl das Wort Pension einen höheren Standard normalerweise erahnen lässt, handelte es sich bei der Unterkunft um ein Hostel. Göreme ist ein Touristenort und zu der Zeit waren eine Vielzahl der Unterkünfte eher mau besucht. Es gab Tage, an denen war ich ganz alleine im Hostel; an anderen Tagen hatte ich einen „Mitbewohner“ im Raum. Nach 7 oder 8 Tagen wurde ich aber von den Eigentümern förmlich rausgeworfen, da sie ansonsten einer mehr als 30-köpfigen Reisegruppe absagen hätten müssen – wegen einem (meinem) Bett. Da ich immer kompromissbereit bin, bin ich Ihrem Wunsch nachgekommen und habe mir ein neues Hostel gesucht – ein Höhlen-Hostel. Dort waren immerhin mal wieder jüngere Menschen um mich herum…

mit zwei Südkoreanern im Höhlen-Hostel 🙂

Doch weshalb wollte ich unbedingt nach Göreme – in das Herz Kappadokiens!?

In den verschiedenen Tälern erstrahlten die Gesteinsformationen in den unterschiedlichsten Farben. Zudem konnte man wieder zahlreiche Höhlen entdecken, in denen Menschen vor einigten Jahrhunderten lebten. Die gesamten Tuffsteinlandschaften sahen einfach super beeindruckend aus. Doch seht selbst!

eine malerische Schaukel..

Das erste an- und abgewanderte Tal war das Love – Valley (Liebes – Tal), welches wohl aufgrund markanter Gesteinsformationen seinen Namen erhielt.

An das Love – Valley grenzte direkt ein weiteres Tal, das weiße Tal. Sämtliche markante Gesteinsformen waren auf einmal nicht mehr zu sehen.

Hineinsicht weißes Tal

Nur wenige hundert Meter weiter östlich waren auf einmal alle Gesteine rötlich gefärbt! Komplett in einer anderen Farbe! Crazy!

Mit dem Erreichen des roten Tales wurde es langsam dunkel. Hohe ISO-Werte bedeuten Schärfe-Verluste. Ich hoffe, die veränderte Färbung ist durch die Bilder trotzdem nachvollziehbar. 🙂

Einer der Nachbarorte Göremes war das drei Kilometer entfernte Cavusin. Im Ort selbst befand sich eine Felsenkirche, die man selbstständig bekraxeln konnte.

In meinen Augen kann man das frühzeitliche „Höhlenleben“ noch weiterhin in Cavusin nachempfinden. So wie es augenscheinlich aussah, leben heute wieder einige Familien in diesen Relikten vergangener Jahrhunderter. Die natürlich auch mittlerweile eher einem Haus ähneln als einer Höhle – doch immerhin ließ sich noch erahnen, wie es denn mal gewesen sein könnte…

Mittlerweile fiel in Göreme auch erster Schnee – zumindest bedeckte eine kleinere Schneedecke das Land.

Blick aus dem Hostelfenster auf die schneebedeckte Landschaft

Eine der Hauptattraktionen, weshalb Göreme jedes Jahr zahllose Touristen aus aller Welt anzieht, sind die Heißluftballonfahrten. In den sozialen Medien sah ich bereits zahllose atemberaubende Fotos und so wollte ich auch unbedingt in den Genuss dieses seinesgleichen suchenden Anblicks (Bergkulisse und davor zahllose, bunte, schwebende Ballons) kommen.

Aufgrund meiner Erkrankung sah ich die Ballons zunächst – und im Winter fliegen sie nicht täglich – nur aus dem Fenster. Wie es das Schicksal aber so wollte, wachte ich am Abreisetag zufälligerweise früh genug auf, um die Ballons wenigstens noch einmal zu sehen.

Apropos Touristen: das Asiaten von allem und jedem zahllose Bilder schießen, ist hinlänglich bekannt. Hier die zwei Shots von asiatischen Touristen in Göreme.

Doch nach mehr als 10 Tagen wurde es Zeit zum weiterziehen – schließlich war Dubai noch so einige Kilometer entfernt. Und auch die nächsten Tage sollten mehr als tough werden!

Im nächsten Beitrag werde ich mit dem Winter so richtig struggeln und unglaublich viele Höhenmeter bewältigen. Denn nach dem Abchecken der Wettervorhersage gab es nur eine Richtung -> an die auch im Winter vergleichsweise milden türkischen Küsten zu strampeln.

SVW – immer und überall!

Türkei #V: Ein Überfall!? und „Sightseeing“ in Aksaray/ Kappadokien


Da Sia schon jeden Tag sehr früh mit der Arbeit beginnt, konnten wir uns zunächst nicht verabschieden! Um trotzdem „good bye“ zu sagen und mir selbst gebackene, frische und warme Brote zu überreichen, nahm er extra seine Mittagspause am frühen Vormittag und kam deshalb nochmal kurz zurück in seine Wohnung. Grandios! Überwältigend!

Ich träumte schon seit vielen Jahren davon, die grandiosen Tuffsteinlandschaften Kappadokiens rund um das Zentrum Göreme hautnah zu erleben. In Aksaray war ich wirklich so kurz davor, mir einen meiner Träume zu erfüllen!

Göreme kann man von Aksaray über zwei Wege erreichen. Es gibt eine direkte, gut ausgebaute Schnellstraße nach Nevsehir; von da sind es dann noch in etwa 10 km nach Göreme. Ich entschied mich aber für eine nicht ganz so direkte Verbindung; entlang dieser Straße sollten aber einige Attraktionen auf mich warten. Obendrein beinhaltete diese Zwischenetappe deutlich mehr Höhenmeter.

Kartenausschnitt Aksaray/ Kappadokien (Google Maps)

Sehenswürdigkeiten der Region Aksaray/ Kappadokien

Zunächst wollte ich den zweithöchsten Berg Zentralanatoliens (Anatolien zu deutsch = Osten; entspricht dem asiatischen Gebiet der Türkei), einen inaktiven 3300 m hohen inaktiven Vulkan bewundern. Angesprochener Vulkan, der Hasan Dagi, ist maßgeblich für die umliegenden Felslandschaften, aufgrund zurückliegender Eruptionen, verantwortlich.

Die Landschaft geformt durch frühere Eruptionen…

Doch das Winterwetter wollte mir einen Strich durch diese Rechnung machen, weshalb beim Erreichen der ersten Ausläufer des Vulkans ein Schneesturm aufzog.

Kampf gegen den Schneesturm!

Die nächste Sehenswürdigkeit, die ich erreichen wollte, war das Ihlara-Tal. Dieses schluchtenartige Tal entstand ebenfalls durch vulkanische Aktivitäten des Hasan Dagi. Das Tal erlangte seine Berühmtheit durch Aktivitäten byzantinischer Mönche, die Kirchen und Behausungen in den Felsen anlegten/ bauten.

Auf dem Weg dahin lag ich auch das erste Mal, samt Fahrrad, auf spiegelglatter Fahrbahn. Aufstehen; schütteln – Es geht immer weiter!

Durch das Befahren der gefrorenen Straßen – inklusiver wunderbarer gefrorener Spurrillen – waren kleinere Stürze natürlich vermeidbar, aber teilweise unumgänglich. Ganz klar war in dem Moment meine eher schmale Bereifung nicht von Vorteil; so wurde jede Bewegung nach Links oder Rechts zu einer möglichen Rutschpartie; Kurven mussten im großen Bogen gefahren werden und durften nicht zu scharf geschnitten werden. Ein klirrend kalter und starker Ostwind, leichter Schneefall und die Auseinandersetzung mit größeren freilaufenden (Wach-)hunderudeln machten den Tag zu einem echten „Vergnügen“!

Der Winterdienst schaute hier schon länger nicht mehr vorbei…und so war alles gefroren

Als ich am Taleingang ankam, war es leider schon um 15 Uhr. Bis zur anbrechenden Dunkelheit waren es lediglich noch zwei Stunden, so machte es wirklich wenig Sinn noch in das sehr langgezogene Tal hinabzusteigen – die kurzen Tage waren für mich neben der Kälte eines der größten Probleme beim Fahrrad fahren im Winter – und so blieb mir nur die Möglichkeit einiger Aufnahmen von außerhalb und die Vorstellung, wie es denn im Tal aussehen würde. Vielleicht kann ich irgendwann im Sommer mal noch das Ihlara – Tal besichtigen….

Zudem war das Tal verschneit, weshalb ich mich zur Weiterfahrt schlussendlich entschied. Als Nächstes wollte ich eine unterirdische Stadt besichtigen – die „Gaziemir underground city“. Sie soll wohl die einzige unterirdische Stadt mit integrierter Karawansarei weltweit sein. Für umgerechnet 1,60 € (10 Lira) hatte ich die Möglichkeit einen Blick in „eine neue, unterirdische Welt zu werfen“.

Ich bin wirklich ganz ehrlich, aber umgehauen hat mich das Gesehene nicht! Es gab insgesamt zwei Bereiche, die man besichtigen konnte. Diese waren nicht miteinander verbunden. Der eine Teil war wirklich komplett unbeleuchtet und beinhaltete nur einige Räume, welche tatsächlich unterirdisch lagen; der andere Teil der City verfügte über verschiedene Räume, in denen das tägliche Leben stattgefunden haben muss (Brunnen, Schlafräume, Gefängnis, Weinkeller, Ställe..). Allerdings wurden alle Räume über eine Art Marktplatz verbunden, der oberirdisch lag! Für mich kann deshalb nicht wirklich die Rede von einer unterirdischen Stadt sein! Trotzdem war es eine nette Erfahrung, diesen Ort frühzeitlichen Lebens gesehen zu haben!

Nach der Besichtigung nahte auch das Ende des Tages. Da es die Nacht wieder sehr kalt werden sollte, wollte ich wenigstens etwas Schutz vor dem kalten Wind haben. Also fragte ich im Supermarkt (Kaufort des Tickets) nach, ob sie vielleicht eine Idee hätten, wo ich schlafen könnte. Keine Minute später wurde ich in dem eigentlichen offiziellen Tickethäuschen mitten im Ort einquartiert. Ich war euphorisch, ob der freundlichen Hilfe und schließlich sollte ich ja auch vier feste Wände diese Nacht um mich herum haben. Der Raum war zu klein, um das Zelt aufzubauen und so hoffte ich einfach mal, dass die dünne Holztür genügend Isolierung bietet. Doch schon sehr bald wurde es in dem Raum wirklich kalt und ich vermisste mein „etwas wärmehaltendes Zelt“ um mich herum..

Tickethäuschen

Die Nacht schlief ich dann auch nicht so wirklich gut, da die Temperatur im Raum vermutlich irgendwann der Außentemperatur entsprach. Zudem verlor meine Luftmatratze über Nacht offentsichtlich Luft, weshalb es auch keine Isolation gegenüber dem Boden gab.

genug Platz für mein Fahrrad und Mich..

Doch nicht nur aufgrund der Kälte wachte ich mehrmals auf! Frühs gegen 5:30 Uhr versuchte plötzlich eine Person die Tür zu meinem Schlafplatz kräftig zu öffnen. Da ich keinen Schlüssel zum Abschließen bekam, stellte ich mein Fahrrad genau vor die Tür. Man brauchte nun schon einige Kraft, um die Tür zu öffnen (zusätzlicher Gedanke: das umfallende Fahrrad würde mich spätestens wecken). Doch aufgrund des Lärms wurde ich umgehend aus dem Schlaf gerissen, doch bevor ich reagieren und aus dem Schlafsack kriechen konnte, flog auch schon das Fahrrad auf mich!

Ich wusste natürlich in dem Moment absolut gar nicht, was gerade vor sich ging und war voller Adrenalin! Die Person hatte die Tür mittlerweile soweit öffnen können, dass er in den Raum treten konnte – während ich in meinem Schlafsack mittlerweile unter meinem Fahrrad begraben lag. Aufgrund der sehr vehementen Türöffnung rechnete ich natürlich mit dem Schlimmsten und erwartete einen Überfall, schließlich gab es in dem Raum wirklich rein gar nichts, außer ein paar Stühlen und leeren Kisten – und eben meinem Hab und Gut.

Doch auch die Person war anscheinend genauso überrascht wie Ich – zu meiner Überraschung. Auch sie scheint mit keinem schlafenden Radler in dieser Jahreszeit, noch dazu in diesem Kassenhäuschen gerechnet zu haben. Nach einem kurzen Momentum, wo niemand etwas sagen oder tun konnte, schnappte sie sich nur flink die leeren Kisten und verschwand genauso schnell wieder in der Nacht…ich hörte noch einen Motor anspringen und ein Auto fuhr davon.

Mein Gehirn ratterte immer noch „weiß Gott wie“ und das Adrenalin schoss durch meine Blutbahnen. Aber ja; die Person ist weg! Nichts ist passiert! Ich richtete mein Nachtlager wieder ein, platzierte das Fahrrad wieder vor der Tür, entspannte mich und wollte gerade wieder schlafen, als sich die nächste Person an der Tür zu schaffen machte….

Dieses Mal agierte die Person aber nicht ganz so vehement und tat sich bei der Türöffnung schwieriger. Ich hatte dieses Mal genug Zeit, um aus dem Schlafsack zu springen und mich dem Eindringling entgegen zu stellen.

Vor mir Stand ein Mann, der Kisten voller Brot brachte…

Im selben Augenblick verstand ich die letzten Minuten und Geschehnisse auf einen Schlag! Da in den zuvor „entwendeten“ leeren Kisten einige Brotkrümel drinnen lagen, wurden zunächst also die leeren Kisten abgeholt und anschließend volle Kisten geliefert! WOOOOOW! Ich schlief also in dem „Brotlagerraum“ für den nebenan gelegenen, kleinen Supermarkt des Ortes! Sämtliche Anspannung war natürlich sofort verflogen! Gefährlich war die Nacht also keinesfalls für mich!

Und wieder einmal trifft ein Satz zu 100000% zu: HINTERHER IST MAN IMMER SCHLAUER!

Nach einer wirklich kurzen Nacht wollte ich am nächsten Tag Göreme erreichen. Noch waren 90 km auf dem Tacho!

Zunächst ging es noch für einige Kilometer etwas hügelig durchs Land! Zum Glück kam die Sonne heraus.

eine einsame Straße durch vulkanige Landschaft

Kurz vor dem Erreichen des Sees Narligöl war ich offiziell endlich in Kappadokien.

Am See war mal wieder Zeit für ein Foto!

Am See wurde ich dann auch sehr sehnsüchtig von einem Hunde-Rudel erwartet; zum Glück waren noch andere Personen gerade anwesend, weshalb sich die Konzentration der Hunde auf alle Personen verteilte.

In dem Moment öffnete sich die Wolkendecke etwas und es entstand wie ein Tor zum Himmel! Der blaue Himmel spiegelte sich prächtig im See – da störten mich die Hunde dann auch wenig. Der See war wirklich ziemlich cool gelegen!

See Narligöl – wie ein mit Wasser gefüllter Krater

Mich faszinierte die Landschaft bei diesem Wetter; auch wenn diese zumeist schneebedeckt war!

Wie auf den Bildern zu erkennen ist, verlor ich in Richtung Göreme kontinuirlich an Höhe. Seit langer Zeit sah ich mal wieder im Ansatz grüne Wiesen…

Kommt denn der Frühling schon?!

Die Antwort nehme ich euch mal schnell vorweg: NEIN!

In Nevsehir besuchte ich noch schnell die Burg, bevor ich die letzten 10 km nach Göreme noch strampeln musste. Um zur Burg zur gelangen, gab es noch einen kurzen und ziemlich knackigen Anstieg abzuhaken. Und auch die letzten Meter zu Fuß waren sehr abenteuerlich, denn alles war gefroren und schneebedeckt. Fußwege gab es zudem auch nicht wirklich, diese wurden nur von vorigen Besuchern festgetrampelt. So war es dann auch nicht verwunderlich, dass die Burg auch gar nicht geöffnet hatte. Eine wirklich spektakuläre Attraktion sollte ich aber nicht verpasst haben.

Burg in Nevsehir

Umso mehr genoss ich stattdessen die Aussicht, die sich mir über Nevsehir bot.

Vom letzten kleineren Ort Uchisar ging es für 2-3 km nur noch berg ab nach Göreme. Glücklicherweise kam ich zur Sonnenuntergangszeit in Uchisar an und so konnte ich noch ein paar schöne Bilder von Göreme und der gesamten Area knipsen! Im wahrsten Sinne des Wortes konnte ich einen Ausblick „auf das nun Kommende“ erhaschen.

Kaum war ich in Göreme – einem lang ersehnten Ziel – war ich krank! Eine Mandelentzündung inklusive Fieber band mich erstmal für mehr als eine Woche ans Bett. Wahrscheinlich hat mein Immunsystem dem kräftigen, kalten Ostwind (Gegenwind) irgendwann kapituliert…

Doch (fast) jede Krankheit geht zum Glück vorüber. Dadurch hatte ich doch noch die Möglichkeit mich im „Zentrum Kappadokiens“ umzusehen! Bilder der verschiedenen Wanderungen, durch die unterschiedlichen Täler und Höhlen, der zum UNESCO- Weltkulturerbe gehörenden Tuftsteinlandschaften seht Ihr im nächsten Post!

Türkei #IV: hüftsteife und salzige Momente in Anatolien!


2 Flamingos posieren 😉

Nach einem letzten ausgiebigen Frühstück mit Meltem und Eyuup (u.a. mit gebratenem Ei und Sucuk (Sucuk= türkische Wurst – > absolute Empfehlung!)) nahm ich Kurs in Richtung Süden. Zunächst lag ein langgezogener, relativ flacher Anstieg vor mir. Langsam setzte leichter Schneefall ein, der mit jedem Höhenmeter kräftiger wurde! Die Abfahrt nach Gölbasi wurde zur nächsten Tortur. Der Wind bließ mir den kalten Schnee mächtig in die Augen und so musste ich mit Sonnenbrille den Berg herabbrausen, damit ich überhaupt den „Durchblick“ bewahren konnte. Und ja.. Ich würde die Brille gerne für andere Wetterbedingungen nutzen….

Ciao Ankara!

Doch kaum kam ich in Gölbasi an, flaute der Schneefall mit jedem Meter weiter ab. Glücklicherweise! Ab nun radelte ich größtenteils trocken in Richtung Aksaray.

Die Nacht nahte und so brauchte ich dringend einen Zeltplatz. Ich fand ein verlassenes Haus ohne Dach, welches mir wenigstens etwas Schutz vor dem Wind bot. Die Temperaturen in der Nacht fielen in den mittleren einstelligen Minusbereich. Im Winter sind zudem die Nächte mega lang und so kam es auch mehrmals vor, dass ich von 18 Uhr bis frühs 8:30 Uhr einfach nur im Zelt lag und darauf hoffte, dass es nicht zu kalt wird.

Camping – Spot für diese Nacht

Die Hochebene von Konya

Aksaray liegt am Rande einer Hochebene – der Hochebene von Konya. Bis ich die Hochebene erreichte, musste ich noch einige kleinere Anstiege bewältigen, die mich durch teils schöne Winterlandschaften führten.

Winterlandschaft

Die Hochebene war, wie der Name schon vermuten lässt, eine Ebene und so konnte ich mal wieder direkt eine 140 km Etappe bis nach Aksaray fahren. Bei der Kürze der Tage gar nicht übel und so konnte ich mal wieder „einen Sprung auf der Karte“ wahrnehmen.

endlose Weiten – Kasachstan bist du’s?
Die Hochebene war teilweise gespenstisch…

Die Saline der Türkei..

Schon sehr bald erreichte ich einen in der Hochebene gelegenen gewaltigen Salz-See, den Tuz – Gölü. Da der See einer der salzhaltigsten Seen der Erde ist, verwundert es auch nicht, dass ein Großteil des türkischen Speisesalzes aus ihm stammt. Gleichzeitig ist er der zweitgrößte See der Türkei. Da der See keinen Zufluss besitzt, trocknet er in den Sommermonaten zu großen Teilen aus. Im Winter hatte ich nun das „Glück“ einen prall gefüllten sehr, sehr großen Teich vorzufinden.

still wie ein Ozean lag er vor mir….

Zuvor sah ich bei Freunden bereits atemberaubende Bilder, die besonders zur Sonnenuntergangszeit entstanden.

Besonders zur Abendzeit spiegelt sich die Sonne atemberaubend..

Ein afghanischer Abstecher in Zentralanatolien!

Über Couchsurfing wurde mir eine Adresse für eine preiswerte Unterkunft gegeben. An Ort und Stelle fand ich aber nichts dergleichen mehr vor..

Dafür traf ich auf Sia, der aus Afghanistan floh und nun in der Türkei lebte. Er kam gerade von seinem Job als Bäcker nach einem 12 Stunden Arbeitstag nachhause. Zu meinem Glück konnte er etwas Englisch und schon wenige Zeit später fand ich mich im Wohnzimmer der Familie wieder und aß traditionell afghanisch – in zweierlei Hinsicht!

türkischer Tee und afghanisches Essen!

Zum einen gab es typisch afghanisches Essen, zum anderen saß ich zum Essen auf dem Boden. Schon sehr schnell fiel mir auf, wie ungelenkig ich doch eigentlich bin und so musste ich doch sehr häufig die Sitzposition während der Zunahme von Speis und Trank wechseln. Meine Güte bin ich hüftsteif! Es macht also für mich durchaus Sinn, über eine morgentliche Yoga-Session nachzudenken.. 🙂

Had a nice dinner! Thank you again!

Man kann der Familie, den Familien nur ALLES erdenklich Gute wünschen! Danke nochmals – Thank you again!

Im nächsten Beitrag fange ich mir eine Mandelentzündung ein und erreiche einen Ort meiner Träume!

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