Mestia – Ushguli

… verbindet ein malerischer Hiking – Trail durch den großen Kaukasus!

Day 1/ Tag 1

Hey, Siri 🙂

Hallihallo! Was kann ich für dich tun?

„Georgien wandern“

Schwuppdiwupp! Und schon wird einem dieser mehrtägige Trek ausgespuckt. Der Weg verläuft parallel zur russischen Grenze. Auf der 55 km langen Wanderung durchquert man georgische Bergdörfer und einige malerische Landschaften; passiert einen Gletscher und überquert mehrere Pässe. Besonders in der Hauptsaison ist der Weg für jeden machbar. Alle 10 km findet man spätestens eine Unterkunft und somit auch etwas Trink- und Essbares. Obendrein sind auch noch zahlreiche Quellen entlang des Weges eingezeichnet. Ich habe aber keine einzige dieser Quellen entdeckt; gleichzeitig habe ich aber auch nicht explizit danach gesucht. Vielleicht erwartete ich auch einfach etwas anderes oder ich bin blind. Erinnern tue ich mich aber an einige Plastikrohre, welche neben dem Weg endeten, wo teilweise sogar Wasser heraussprudelte. Im Nachhinein dachte ich mir dann, dass es die eingezeichneten Quellen gewesen sein mussten. Meine Empfehlung ist daher, dass man lieber genügend Wasser aus dem letzten Quartier mitnehmen und weniger auf die eingezeichneten Quellen spekulieren sollte. Auf jeden Fall benötigt man Bargeld, denn unterwegs kommt man an keinem Bankautomaten/ATM vorbei. Ebenso sah ich in keinem der Orte, die ich passierte, auch nur in Ansätzen einen Supermarkt. In der Hauptsaison ist die Versorgungslage vielleicht eine andere (bessere). In der Nebensaison war es definitiv stellenweise etwas tricky – besonders im Bezug auf die Grundversorgung.

Der imposante Mestia – Ushguli Wanderweg

Ganz so blind und unkonkret war meine Internetsuchanfrage dann aber auch wieder nicht. Zumal ich auch schon von einigen anderen Reisenden – nicht nur in diesem Jahr – von dem Trail gehört hatte. Die Erzählungen klangen verheißungsvoll und so beschloss ich für mich, dass ich diesen Wanderweg auch mal abwandern musste. Eins kann ich verraten: es wird definitiv abenteuerreich! Besonders zu dieser Jahreszeit!

die russisch-georgische Grenze in natürlicher Form (Berg Latsga)

Um die grenzübergreifende Ausbreitung vom Coronavirus SARS – CoV-2 zu entschleunigen, beschlossen zahlreiche Regierungen – so auch die georgische – ihr Land temporär abzuriegeln. Das hatte natürlich in den letzten zwei Jahren (2020 und 2021) für zahlreiche Menschen in den Bergdörfern entlang des Weges brutale Auswirkungen, da der Tourismus, neben der eigenen Landwirtschaft offenkundig die einzige Einnahmequelle darstellt. In den Jahren zuvor erfreute sich dieser Wanderweg immer größerer Beliebtheit, weshalb in vielen Dörfern ein vielfältiges Angebot an Übernachtungsmöglichkeiten bestand/ besteht. Zum Glück haben viele Bewohner dieser Dörfer ihr Zuhause in den letzten beiden Jahren nicht verlassen, weshalb ich mir auch in diesem Herbst keine Gedanken über eine nächtliche Bleibe machen musste. Dabei buchte man meist ein Komplettangebot – für 70 Lari (~30 Euro) – bestehend aus Abendbrot, Frühstück und Übernachtung.

Die Etappenplanung wird einem natürlich dadurch enorm erleichtert und vor allem kann man sich theoretisch Gepäck sparen. Ich nahm meinen ca. 10 kg schweren Rucksack dennoch mit auf den Weg – man weiß ja nie, ob man noch mal zurück zum Ausgangsort (Mestia) kommt.

Es war bereits nach 12 Uhr mittags als ich meine Unterkunft am „falschen“ Ende des Ortes Mestia verließ. So wanderte ich ein weiteres Mal durch die Provinzhauptstadt Svanetiens. Der Ort besteht zu großen Teilen aber nur aus Unterkünften, Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten. Dafür ist die Umgebung umso beeindruckender. In nördlicher bis östlicher Blickrichtung bilden bis zu 5000 m hohe Berge die natürliche Grenze zu Russland. Die Berggipfel waren nun Anfang Oktober schon vollends im Schnee versunken. Nur wiederum einige Höhenmeter tiefer – mit dem Beginn der Baumgrenze – war der Wald zeitgleich in prachtvolle Farben getaucht – Indian Summer pur! Nur die Sonne und der blaue Himmel wollten an dem Tag nicht zum Vorschein kommen.

typisch für die Region: die alten Wachtürme vor einem spektakulären Hintergrund

Am anderen Ende von Mestia wurde ein kleines, traditionelles georgisches (Familien?) – Fest gefeiert beziehungsweise wurde dieses noch vorbereitet. Mein Weg sollte an diesem Fest vorbeiführen und vor dem Festgelände wartete eine große Menge georgischer Männer. Ich fühlte mich das erste Mal etwas unwohl, denn schließlich starrten mich die Massen einfach alle an. Die Frauen waren im Hintergrund offensichtlich mit der Vorbereitung des Festes beschäftigt. Ich versuchte so aufrecht wie möglich zu laufen, versuchte meinen verwirrten, fragenden Gesichtsausdruck bestmöglich zu kaschieren und grüßte einfach mal „Hallo“. Ein gutes Rezept, um mit einer einem persönlich befremdlichen Situation offensiv umzugehen. Bedrohlich war die Situation keinesfalls – davon gehe ich fest aus, aber trotzdem fühlt man sich in dem Moment – ob der der vielen Augen – merkwürdig. Einfach fremd und anders.

Direkt hinter der Stadt ging es direkt nach oben. Der Weg bestand aus Geröll und Tierexkrementen. Die größte Hürde bestand darin, nicht direkt auf den ersten Metern in Tierkacke zu tappen. Da in Georgien auf den Straßen alle Tiere (Pferde, Rinder, Kühe, Gänse, Schweine, Hunde, Katzen usw.) einfach frei umherspringen „dürfen“ und ihnen dementsprechend auch keine feste Weideflächen zugewiesen sind, kann man schnell mal in einem Kuhfladen oder in Kuhdung stecken bleiben. 😉

Kuhfladen und Kuhdung gibt es wirklich wie Sand am Meer, da die Kühe und Rinder über die Wege teilweise täglich aus der Ortschaft heraus und wieder herein getrieben werden.

Es ging weiterhin stetig bergauf – aber nun auf einem breiteren Weg. Einem im wahrsten Sinne des Wortes weniger beschissenen Weg. Die Landschaft war rechts und links so unglaublich farbenfroh wie wahrscheinlich zu keiner anderen Jahreszeit.

Ja – ich bin wirklich ein großer Fan bunter Wälder! Wem geht es da genauso? 🙂

Als Nächstes musste man einen ebenso bunten kleineren Wald durchqueren. Dabei ging es wirklich knackig nach oben und ich kam mächtig ins Schwitzen. Der vollbepackte Rucksack trägt sich leider nicht von selbst. Der Weg bestand auch wieder einmal mehr aus aufgeschütteten Steinen, die teilweise eine beachtliche Große hatten. Zwei Kilometer später war die Höhe erreicht und ich war fand mich auf einem richtigen Weg wieder. Zurückblickend habe ich wahrscheinlich unbewusst eine Abkürzung genommen und ihr wisst ja: Meter zu sparen bedeutet nicht automatisch Energie zu sparen.

Der Weg ist tatsächlich recht gut beschildert! An den meisten Kreuzungen fand man einen Wegweiser inklusive einer Entfernungsangabe. Ebenso wurden die aktuelle Höhe und die Koordinaten geteilt.

Auf den letzten Metern zum Scheitelpunkt des ersten kleineren Passes wurde ich noch von einigen tollen Impressionen begleitet.

Dort angekommen machte ich auch erstmal eine kleinere Pause. Doch zunächst kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wooooooow!

erstes Dorf; Murshkeli

Vor mir lag ein wirklich beeindruckender Ausblick, während mir eine herbstwarme, frische Prise entgegenschlug. Das nun folgende Tal ließ sich von hier komplett überblicken. Gefühlt waren die Wiesen hier noch deutlich grüner als im vorigen Tal. Überall grasten an den Hängen die Pferde und Kühe/Rinder. Eingebettet in den grünen Wiesen lagen klitzekleine georgische Dörfer. Die kleinen Ortschaften bestanden größtenteils nur noch aus zerfallenen steinernen Gebäuden/Häusern und eben den steinernen alten Wachtürmen. Der gesamte Anblick wurde von den hohen Bergen, deren schneebedeckter Gipfel und den leuchtend bunten Wäldern abgerundet. Soweit ich blicken konnte, sah ich keine Menschenseele und auch kein Auto. Die Zeit schien für einen Moment wirklich still gestanden zu haben. Friedlich, ruhig, entschleunigt und entspannt lag eine wunderbare Momentaufnahme vor mir. Solche Momente oder Situationen kann man nur voller Inbrunst aufsaugen, denn im hektischen Stadtleben (oder Alltag) kommt man selten in den Genuss. Die mitgeschleppten Kekse und die Coca-Cola Zero schmeckten in diesem einzigartigen Augenblick daher gleich noch mal eine Runde besser.

Ich saß bestimmt eine halbe Stunde einfach nur auf einem Holzbalken und genoss die Stimmung. Definitiv wäre ich auch noch länger dort sitzen geblieben, wenn ich nicht Besuch bekommen hätte…

Ein Teil der Bande ..es waren wohl keine Wildschweine!

..denn eine Herde an Schweinen nährte sich und wollte an dem mir im Rücken liegenden Weiher offenkundig etwas trinken. Die Schweine waren farblich zu hell, weshalb es wohl Hausschweine gewesen sind. Die Herde bestand aus einigen Muttertieren (od. Bachen) und zahllosen Ferkeln (od. Frischlingen). Natürlich entdeckten mich die Muttertiere sofort, aber noch hielt ich offensichtlich genügend Abstand, sodass ich erst mal verschont und nicht direkt verjagt wurde. 😀

Frisch gestärkt und voller Neugier setzte ich meine Wanderung fort und es ging nun zunächst einige Kilometer bergab. Der Weg wandelte sich immer mehr in einen Trampelpfad (geformt vom Vieh) und leider nahm ich den Falschen dieser Pfade, denn ich verlor immer mehr an Höhe. Also versuchte ich mich wieder querfeldein – an einer ausgesprochen sehr steilen Stelle – durch die Büsche hangaufwärts zu kämpfen. Es war definitiv nicht die cleverste Idee, um an diesem Stück des Steilhangs den richtigen, quer verlaufenden Trampelpfad wiederzufinden. Gefühlt ging es dabei fast senkrecht durch die Büsche hangaufwärts. Hier wollte ich definitiv nicht zurückkippen … und mein schwerer Rucksack auf dem Rücken war in diesem Moment absolut keine Hilfe.

…bis „der Kuh vors Maul“ wäre ich ansonsten gestürzt

Irgendwann wurde ich dann doch inmitten der Büsche fündig und gelangte endlich wieder auf den „richtigen“ Pfad. Die Freude hielt aber nicht lange, denn im ersten kleinen Dorf auf meiner Tour wandelte sich der begehbare Pfad in eine Matschpiste – obendrein bestehend aus zahlreichen Exkrementen der bäuerlichen georgischen Tierwelt. Tasty hoch zehn! Zum Glück sieht es vor meiner Haustürschwelle normalerweise etwas anders aus.

Beim Anblick der ganzen Wachtürme kam ja schon fast ein Gefühl von Sicherheit auf… zumindest stand schon auf fast jedem Grundstück ein solcher befestigter Turm.

und das restliche Sicherheitsgefühl besorgte „Er“ mir 😉

Und auch diese grimmig dreinblickenden Gesellen unterhielten mich bestens. Schließlich war ich in den Dörfern absolut ein unbekanntes Gesicht und ich könnte ja ein „Pferd stehlen“… 😀

Der Weg war mittlerweile wieder ein deutlich besserer und ich nährte mich dem nächsten Dorf.

ein Blick zurück

Im nächsten Dorf sah ich immerhin einen „Market“ – Schriftzug ( Supermarkt). Hinter dem Schriftzug oder hinter der Tür befand sich aber wahrscheinlich nur gähnende Leere. Der vermeintliche Laden war auch nicht geöffnet und so musste sich meine Trinkflasche für eine weitere Befüllung noch etwas gedulden.

Wie ich schon zu Beginn des Textes erwähnt hatte, war die Versorgungssituation entlang des gesamten Weges schwierig. Und dieser „Supermarkt“ sollte doch tatsächlich der einzige offizielle Markt bleiben – und auch den konnt man an dem Tage nicht zu zählen.

Überall in Georgien begegneten mir temporäre Stromausfälle – sogenannte Brownouts. Ob die nun durch einen unerwarteten Spannungsabfall oder marode Anlagen getriggert wurden, vermag ich nicht abschließend zu beurteilen. Fakt ist aber auf jeden Fall, dass die Anlagen vielerorts nicht mehr die modernsten sind. Aber seht selbst …

sabotiert oder in die Jahre gekommen?

Im normalen Alltag vergisst man sehr, sehr schnell, wie immens wichtig Strom eigentlich ist. Es funktioniert kaum noch etwas ohne Strom! In Georgien musste ich mich daher temporär mehrmals mit nicht mehr funktionierenden Wasserhähnen, Toilettenspülungen, Duschen, WLANs, Heizlüftern, Lampen, Kartenzahlungen, Supermarktscangeräte, Küchengeräte usw. umherschlagen. Damit lässt sich kurzfristig natürlich umgehen, aber es sollte sich zeitlich definitiv nicht immens ausdehnen.

Remote – irgendwo in der georgischen Wildnis musste mir zum Glück darüber vorerst keine Gedanken machen. Schon sehr bald stieß ich auf den Mulkhra – Fluss. Ich folgte dem Fluss auf der linken Uferseite und landete direkt auf einem riesigen Geröllfeld.

am Fuße des Bergs liegt mein heutiges Ziel

Der Fluss führte zu dieser Jahreszeit nur mäßig Wasser, weshalb der Trail nun zeitweise durch das Flussbett ging. Immer wieder musste man kleinere Ströme überspringen beziehungsweise kleinere aufgeschwemmte Gebiete. Es ging mal mehr, mal weniger durch den Matsch – und so sahen am Abend meine Schuhe auch aus.

Nachdem ich über eine Brücke endlich den Fluss überqueren konnte, war ich auch schon in meinem heutigen Zielort: Tsaldashi angelangt. Nun stellte sich nur die Frage, in welcher Unterkunft ich denn über Nacht unterkommen werde. Ich war gänzlich ohne Internet unterwegs, da ich auf den Kauf einer georgischen Sim – Karte verzichtete. Zuverlässige Lastminute – Helfer wie Booking oder Airbnb funktionierten also in dem Moment nicht. Ich war noch nicht mal in dem Ort richtig angekommen, schon quatschte mich ein älterer Georgier an und bot mir an, in seinem Guesthouse unterzukommen. Das Angebot nahm ich auch direkt an und saß schon kurze Zeit später an einem wohlgedeckten Tisch. Mittlerweile war es ziemlich kalt draußen geworden und die warme Suppe, der warme Tee und die warme Hauptmahlzeit taten unglaublich tut.

Und was war ich hungrig, denn ich wanderte schließlich an dem Nachmittag noch ungefähr 20 km.

In meinem Zimmer gab es keine Heizung, die Fenster waren teilweise zerbrochen und löchrig. So fühlte es sich definitiv doch mehr nach „im draußen schlafen“ an. Irgendwie war ich schon ziemlich wütend in dem Moment, denn bei der Kälte erträumte ich mir nichts sehnlicher als irgendetwas den Raum aufwärmendes. Es gab aber leider keine Heizung für mich. Mit meiner Decke musste ich also auskommen und erstaunlicherweise hielt diese unglaublich warm. Ich wachte kein einziges Mal in der Nacht auf und schlief trotz der Kälte in dem Raum außergewöhnlich gut. Decken sind definitiv etwas ganz feines!

Morgen wollte ich den ganzen Tag wandern; ein mehr als 2200 m hoher Pass und eine Gletscherflussdurchquerung lagen definitiv noch vor mir.

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