Georgien #II: „zwischen Stalins Geist und der Perle Grusiniens“

Auf dem Weg nach Tiblisi (der Hauptstadt Georgiens) passierte ich die Geburtsstadt Josef Stalins, einem der Diktatoren des 20. Jahrhunderts (geboren 1879). Auch wenn das Repressionssystem (Gulag) vor Stalins Herrschaft schon bestand, so bekam es während seiner Amtszeit doch erschreckende Berühmtheit. Zeitweise fanden sich schätzungsweise bis zu 2.5 Millionen Personen in den tiefen Sibiriens in Arbeitslagern, Gefängnissen oder auch speziellen Kliniken wieder. Insgesamt starben in selbigen Anstalten zwischen 1930 bis 1953 um die 2.7 Millionen Menschen. Entkulakisierung und Kollektivierung der Landwirtschaft waren Auslöser riesiger Hungersnöte denen Schätzungen zufolge auf den Gebieten der Sowjetunion bis zu 6 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sein könnten. Der zwanghaften Sesshaftmachung der nomadischen Völker Kasachstans fielen bis zu 1.5 Millionen Menschen zum Opfer. Genug der grausamen Historie!

Die Geburtstadt Stalins trägt den Namen Gori und liegt ungefähr 100 km westlich von Tiblisi. Mitten im Zentrum der Stadt findet man ein Museum über Stalin und sein Geburtshaus. Links neben dem Museum befindet sich ein Eisenbahnwaggon. Dieser war Stalins persönlicher Waggon mit dem er mehrere Jahre durch die alte Sowjetunion fuhr.

Vor dem Museum traf ich auf eine Truppe Iraner, die alle Fotos mit mir schießen wollten. Ich dachte nur so insgeheim, dass das vermutlich ein kleiner Vorgeschmack auf den Iran sein würde. Ansonsten bot Gori nicht so viel. Erwähnenswert ist aber auf jeden Fall noch, dass das Rathaus eine Kuppel besitzt -dem Reichstag in Berlin- ähnelnd. Deutsche Kriegsgefangene errichteten nämlich das Rathaus während des zweiten Weltkriegs.

das Rathaus in Gori

Unweit von Gori findet sich die Grenze zu Südossetien. 2008 wurde Gori im Zuge des georgisch-russischen Krieges -um eben jenes Gebiet- durch die russische Armee für wenige Tage besetzt. Die Schäden der damaligen Tage sieht man aber heutzutage nicht mehr. Zumindest konnte ich sie auf den ersten Blick nicht entdecken.

Die nächsten Kilometer führten mich durch sehr, sehr stark landwirtschaftlich geprägte Gebiete. Zu dieser Zeit im Jahr wuchs um mich herum nicht sehr viel. So bot sich mir eine triste, doch gleichzeitig sehr beeindruckende Landschaft. Ebenso sah ich aus weiter Entfernung die alte Felsen- und Höhlenstadt Uplisziche (Unesco-Weltkulturerbe).

Ich erklamm nach einigen Höhenmetern eine Art Plateau, welches bis fast nach Tiblisi reichen sollte. Auch auf dem Plateau blühte um mich herum gar nichts. Trotzdem faszinierte mich die Landschaft in ihrer Kombination aus zahlreichen Bergen, dem restlichen Schnee, der Weite, der Einöde und den braunen-ockerfarbenen Farbtönen.

Irgendetwas hat die Landschaft, oder?

Obwohl ich erst mittags in Chaschuri startete, erreichte ich die ersten Vororte von Tiblisi bei Anbruch der Dunkelheit. Tiblisi ist der offizielle Name der Hauptstadt. Hierzulande ist die Stadt unter dem Namen Tiflis deutlich geläufiger. Um die 115 km führten mich durch eben angelichtete Landschaften. Die letzten 20 km musste ich mich dann noch bei Dunkelheit durch den Hauptstadtverkehr kämpfen und das ohne mein Rücklicht, welches weiterhin kaputt war. Tricky! Gegen 20 Uhr kam ich dann in meiner Unterkunft an und traf auf ein deutsches Pärchen. Anika und Denis teilen auf ostwärtsnachwesten ihre Erlebnisse ihrer mittlerweile schon bald zweijährigen Fahrradreise mit uns. Auch zahllose Einreisebeschränkungen halten Sie -WEITERHIN-nicht auf! Chapeau! Ich habe selten ein Pärchen erlebt, welches an einer Fahrradreise so großen Gefallen gefunden hat! Bald werden sich unsere Wege wieder kreuzen!

Da die beiden brennende Hansa Rostock-Fans sind und generell gerne auf Fußballspiele gehen, stand ein Abstecher zum georgischen Supercup-Spiel zwischen Dinamo Tiblisi und Saburtalo Tiblisi an.

kein wirklich spektakulärer Ground!

Auch noch heute sieht man der Stadt zahllose Einflüsse an. Schließlich liegt die Stadt an der Heer- und auch der Seidenstraße. Persischer, wie auch russischer Einfluss spiegeln sich im Stadtbild wieder. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts unterliegt die Stadt zunehmenden modernisierenden und futuristischen Planern.

Nach dem Fußballspiel war ich dann erstmal eine Woche lang krank. Wieder einmal. Und so schlecht ging es mir auch schon wirklich länger nicht mehr…starkes Fieber und Husten erzwangen eine Auszeit.

Die Altstadt erkundete ich dann mit Dominika zusammen, welche ich in Batumi kennengelernt habe. Eine Free Walking Tour mit David schaffte uns nicht nur einen sehr guten Überblick über die Stadt, sondern versorgte uns mit allerlei Informationen rund um die georgische Geschichte. Zum Beispiel ist die georgische Schrift eine der Ältesten auf dieser Welt – und die Schriftzeichen sind wirklich mehr als nicht tagtäglich.

die georgische Schrift! Ein Restaurant befand sich in dem Gebäude..

Wir begannen die Tour am Freiheitsplatz mitten im Zentrum der Stadt. Mit jedem Schritt drangen wir tiefer in die verwinkelte und vielfältige Altstadt ein.

Freiheitsplatz

Ein Wahrzeichen der Hauptstadt ist der krumme und schiefe Glockenturm, welcher sich in der Ione Shaveli Street befindet. Zu jeder voller Stunde springt ein Engel hinter einem hölzernen Tor im Turm hervor und läutet die Glocken. Um 12:00 und 19:00 Uhr öffnet sich ein zweites Türchen und ein winziges Pumpentheater beginnt zu spielen.

Über den größten Fluss des Kaukasus, der 1370 km langen Kura (georgisch: Mtkwari) spannt sich ein weiteres Wahrzeichen der Stadt. Die Friedensbrücke! Besonders imposant schaut die Brücke bei Nacht aus, wenn 30.000 LED-Leuchten die Brücke erleuchten lassen.

die moderne Friedensbrücke über die Kura

Unweit der Brücke befindet sich der Präsidentenpalast, welcher sich von der Brücke in seiner ganzen Prachtheit bestaunen lässt.

eine Konzerthalle im Vordergrund; der Präsidentenpalast im Hintergrund

Nicht nur mein Fahrrad habe ich bis nach Tiblisi bewegt, auch..

…ein Stück der Berliner Mauer 😀

Für mich der beeindruckenste Platz in Tiblisi ist ganz klar die Narikala Festung. Oder was von ihr noch übrig ist. Der Blick über die Stadt ist schlicht faszinierend. Aus dem Stadtbild ragen zahlreiche Kirchen empor und immer wieder tauchen futuristische Bauten. Alle Wahrzeichen der Stadt kann man von hier oben sehen.

Unterhalb der Burg befindet sich das Bäderviertel. Das Bad, welches wir besuchten, war super warm, aber nicht wirklich spektakulär.

Tiblisi wurde aufgrund seiner zahlreichen Botschaften auch zum Bürokratiezentrum meiner Reise auserkoren. Bis nach Georgien konnte ich schließlich visumfrei reisen. Das sollte sich aber ab dem nächsten Land (Aserbaidschan) schlagartig ändern. Und ich wollte weit und weiter! Viel weiter radeln… doch schon im nächsten Beitrag erzähle ich euch, wie ich das Ende meiner Reise nahen sah.

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