Georgien. Mit dem zwölften Land auf meiner Reise war ich geographisch wieder in der alten Sowjetunion gelandet. Der Kontrast zwischen der Türkei und der postsowjetischen Republik konnte in den ersten Minuten kaum größer sein. Ich fühlte mich wie zurück nach Russland katapultiert, wo ich bereits 2018 umhertouren durfte. Das Gefühl entstand aber nicht aufgrund der schier unendlichen Größe Georgiens, vielmehr durch zahllose andere Kleinigkeiten…
So gab es wieder Alkohol an jeder Ecke, Shoarma (eine Art Dürum), Bettler, viele alte Damen mit diesem gewissen düsteren Blick, Drunkenbolde, kaputte Autos in unendlicher Anzahl mit noch verrückteren Fahrern, Magasine (Supermärkte), eine neue Schrift, eine neue Währung, viele Kirchen, riesige triste Plattenbauten, Ladas, Casinos, Gasleitungen ..

Um nur einige Unterschiede zu erwähnen, deren Kombination dem ganzen Land einen russischen Touch gibt. Auch wenn Georgien ein eigenständiges Land ist (seit dem 9.4.1991 wieder), lebt der „Geist der Sowjetunion“ an vielen Stellen noch weiter. Auch wenn die Georgier mächtig stolz auf ihre extravagante und einzigartige Sprache sind und eine eigene Währung haben, so drängt Russland immer stärker in die Kaukasusrepublik. Und nicht nur mittlerweile mit mehr als einer Millionen Touristen – jährlich. Zwei Gebiete werden faktisch schon komplett von Russland kontrolliert: Abchasien und Südossetien. Tausende von Soldaten sind in den beiden Gebieten stationiert. Ein stiller Konflikt, der wie ein stiller Vulkan weiterhin vor sich hin brodelt. Nicht ganz so explosiv wie der Konflikt um die Region Bergkarabach zwischen den beiden Nachbarländern Armenien und Aserbaidschan – aber dennoch nicht gelöst ist.
Florent, mit dem ich nun schon seit mehreren Tagen -mal mehr, mal weniger- unterwegs war, quartierte uns bereits im Intercontinental Hostel ein. So blieb mir die Suche nach einer Unterkunft wieder einmal erspart und ich konnte direkt eine feste Adresse ansteuern. Das Hostel war dann nicht wirklich die tollste Unterkunft. Aber was erwartet man auch für 5 Lari (1,70 Euro)/ Nacht. Na wenn dieses Hostel dem Budgetisten nicht wärmstens zu empfehlen ist…
Innen drin: Alle Gäste mussten sich eine kleine Dusche teilen, die zeitweise leider auch nur kaltes Wasser ausspuckte. Auch die Besitzerin war mehr als gewöhnungsbedürftig. So staunte ich doch nicht schlecht als ich eines Nachts nach Hause kam und in meinem Bett eben jene Frau schlief haha
Umgehend forderte ich sie natürlich auf, die Bettwäsche zu wechseln und mir „mein“ Bett wiederzugeben. Daraufhin bekam ich direkt eine Drohung an die Stirn geklatscht („Warte nur bis zum nächsten Morgen“). Schlussendlich räumte sie widerwillig das Bett. Am nächsten Morgen war dann auch alles wieder gut.
Am ersten Tag in Batumi schauten Florent und ich sich ein wenig bei fantastischen Sonnenschein in der Stadt um. Die Küstenstadt warb mit einer extravaganten Mischung aus emporragenden, sehr modernen Wolkenkratzern und alten Gebäuden aus der Sowjetzeit. Teilweise war die Stadt wirklich prunkvoll. Ein kilometerlanger Strand, eine Gondel in die umliegenden Berge und ein nahegelegener Botanischer Garten runden das Stadtbild ab.
Die städtische Vegetation bestand aus Palmen, Bambus und einigen anderen Gewächsen und mutete somit sehr tropisch an.
Entlang der Strandpromenade tummeln sich schon so einige ultramoderne Wolkenkratzer. Mittlerweile ist die Promenade, der Primorski Boulevard, mehr als 5000 m lang.
Besonders für Batumi prägend ist ein bunter Mix aus alten, traditionsreichen Bauten und modernen Wolkenkratzern, Hotelbauten, Casinos.


An einem anderen Tag wanderte ich entlang der Schnellstraße zum Botanischen Garten. So viele Kilometer (15 km) bin ich schon lange nicht mehr gelaufen und so merkte ich auch sehr schnell meine Beine. Fahrrad fahren und Laufen beansprucht eben nicht die selben Muskelgruppen.

Aufgrund der saisonalen Gegebenheiten war im Botanischen Garten leider noch nicht allzu viel zu sehen. Im Frühling/ Sommer wird dieser Garten sicherlich einem Dschungel ähneln. Immerhin begannen die ersten Frühblüher zu blühen und so fühlte ich mich -gedanklich zumindest- schon im Frühling! Aber ja, noch war es erst Mitte Februar. Und ich hoffte nur darauf, dass es nun wieder wärmer werden würde.
Da der Garten etwa 7 Kilometer vom Zentrum entfernt und auf einem kleinen Hügel lag, bot sich mir zur Sonnenuntergangszeit ein atemberaubendes Bild auf die Skyline. Gerade noch rechtzeitig konnte ich einige tolle Bilder schiessen, denn wenige Minuten später schloß der Park.
Mit einer öffnenden Autotür beinahe in meinem Fahrrad und einer handvoll geschenkter Mandarinen verließ ich die Schwarzmeerstadt dann auch endgültig und nahm Ziel gen nächster Küstenstadt (Poti).

Auf dem Weg passierte ich sehr, sehr dreckige Strände. Hoffen wir mal, dass es nur aufgrund der Sturmflut im zurückliegenden Herbst so aussah.

Schließlich war dies auch mein erster Tag (bei Licht) auf den georgischen Straßen. Und es war teilweise einfach verrückt. Auf den Straßen tummelte sich wirklich alles was Beine hat. Kühe, Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen, Hühner, Hunde, Katzen. Und das in großer Zahl. Die Autofahrer überholten an den unmöglichsten/ gefährlichsten Stellen und fuhren mit ihren ausgemusterten, halb kaputten europäischen Markenmodellen wie die Verrückten. Eine zweispurige Straße (mit jeweils einer Spur pro Richtung) war quasi permanent eine dreispurige, da eine „dynamische Überholspur“ für beide Seiten geschaffen wurde. Die entgegenkommenden Autos mussten dann sehr, sehr weit nachts ausweichen und in der Mitte wurde überholt.
Poti beeindruckte mich mit seiner nicht vorhandenen Schönheit. Eine Industrie- und Arbeiterstadt. Eine wichtige Bedeutung hat diese georgische Stadt dennoch, da zahlreiche Güter im Hafen umgeschlagen werden – Mangan, Wein, Mais oder auch Holz. Aber auch aus Aserbaidschan gelangen zahlreiche Erdölprodukte via Poti in die weite Welt.
Meinen Zeltplatz fand ich an diesem Abend in einem Industriegebiet am Rande der Stadt. Frühmorgens war ich umzingelt von grasenden Kühen.

Die nächsten Tage sollten mich ins Landesinnere führen. Immer der Hauptstadt Georgiens, Tbilisi oder Tiflis, entgegen. Der Wind schlug mir kräftig aus östlicher Richtung kommend ins Gesicht und so kam ich doch nur spärlich voran. Die Straßen lagen unweit der schneebedeckten Gipfel parallel zum Kaukasus. Ich passierte zahlreiche kleine Dörfer in dieser landwirtschaftlich geprägten Umgebung. Ganz typisch waren hierbei die einfachen ländlichen georgischen Einfamilienhäuser.
Am Abend erreichte ich dann die drittgrößte Stadt Georgiens, Kutaissi. Da ich länger als erwartet in Batumi blieb, trampte Florent schon seit einigen Tagen alleine weiter. In Kutaissi holte ich ihn aber wieder ein und wir trafen uns auf ein paar Bier. Mit dabei war seine Mum. Die wohl günstigste Bar, die ich in meinem bisherigen Leben besuchte, fand ich in dieser Stadt. Und 2 Uhr morgens war es auch die einzig geöffnete. Es war eine ganztätig (24 Stunden lang) geöffnete Bar, die einen halben Liter Bier für umgerechnet 70 Cent verkaufte. Auch wenn die Lebenserhaltungskosten in Georgien günstiger sind als in Deutschland. 70 Cent für ein Bier aus dem Fass – unbeschreiblich günstig. Wirklich gut schmecken tat es dann aber auch nicht. Generell stach die Bar mit exzellenten Übersetzungsskills und einem ansprechenden, einheitlichen Design ihrer Karte hervor. Hier ein kleiner Einblick in die Karte.


Am nächsten Tag erkundete ich die City ein klein wenig. Das Stadtzentrum ist im Gegensatz zu den anderen georgischen Städten mittelalterlicher Prägung. Über die Stadt ragt die Klosteranlage Gelati hervor. Eine weitere „Sehenswürdigkeit“ ist die weiße Brücke über den Fluss Rioni.
Bis in die Hauptstadt Tiflis waren es noch gute 230 km. Bis nach Kutaissi war es größtenteils flach, weshalb die nun hügeliger werdende Landschaft von mir geschätzt wurde. So bog ich nach 15 km auf den neu gebauten Highway ab.

Ich erreichte als nächstes die Metallindustriestadt Zestafoni. Ein riesiges stillgelegtes Metallverarbeitungswerk von einem der größten georgischen Unternehmen (Georgian Manganese) begrüßte mich am Stadteingang. Weiterhin spielt die Metallverarbeitung die bedeutendste Rolle in Zestafoni. Besonders Eisenlegierungen werden aus der Stadt exportiert. In der ganzen Stadt war es enorm stickig und voller Smog.

Hinter Zestafoni bog die Straße in ein schmales Tal ab. Dort folgte ich einem Fluss, der sich durch das Tal schlängelte. Unterwegs traf ich auf einige Georgier, die mich auf selbstgebrannten Schnaps (Chacha) und Bier einluden. Der Chacha katapultierte mich direkt auf ein gutes Level und so machte der Tag doch gleich doppelt Spaß. 😀

So gestaltete sich der Weg nach Chaschuri (meiner geplanten Destination für diese Nacht) doch länger als erwartet. In dem Tal war ebenfalls reger Betrieb auf zahlreichen Baustellen. Derzeit wird der East-West Highway (neue Autobahn durch Georgien) noch fertig gebaut. Es wimmelte an chinesischen Schriftzeichen im ganzen Tal.

Durch die zahlreichen Zwischenstops entlang des Weges wurde es schon wieder dunkel und ich war noch einige Kilometer von Chaschuri entfernt. Da mein Rücklicht ausfiel fuhr ich bei absoluter Dunkelheit einen langgezogenen Anstieg bis kurz vor der Stadt hinauf. Besonders bei Verkehr von hinten war ich doch mehr als vorsichtig, da ich um die georgische Fahrweise doch mittlerweile bescheid wusste. Zum Glück musste ich nicht bis zum absolut höchsten Punkt hinauf strampeln. Ein Tunnel durch den Berg machte es mir einfacher. Mit jedem Meter aufwärts wurde es um mich herum auch wieder weißer und kälter. Die Abfahrt war dann nochmal eine wirkliche Tortur. Mitten im Ort attackierten mich (oder mein Rad) dann noch zwei Hunde obendrein, welche mitten aus dem Schnee gesprungen sein mussten.Mit dem Hostel von Tamara und Christoph (via Warmshowers) fand ich dann eine tolle Unterkunft. Beide wurden an dem Abend aber von einem Schweizer Pärchen (Michelle und Silvan) abgelöst. Das Pärchen verbrachte bereits monatelang im Iran. Am nächsten Morgen bereiteten mir die Zwei sogar noch ein großartiges Frühstück zu. Danke nochmals. Wir unterhielten uns lange über den Iran und deren Erfahrungen. Wenn ich noch nicht neugierig gewesen sein sollte, dann war ich es spätestens jetzt!

Gegen Mittag startete ich meine vorerst letzte Etappe auf dem Weg nach Tiflis. Vom zweiten Teil meiner Reise in (wildwest) Georgien erfahrt ihr im nächsten Beitrag. Bis dahin und bleibt gesund. 🙂




























