Der letzte Tag im Schwarzmeergebirge war bis zum Anschlag mit Ereignissen gefüllt und so langsam realisierte ich, dass ich dem Transporter unglaublich dankbar sein muss. Das war ein unglaublich kräftiger Schneesturm und mit dem Fahrrad wäre ich da definitiv nicht fahrend durchgekommen.
Am nächsten Morgen wurden wir von einigen Familienmitgliedern noch auf einen Cay (Tee) im nahegelegenen Teehaus eingeladen.

Dieses riesige Gerät -vor dem Herrn- ist eine gewaltige Teemaschine! Sehr beeindruckend das Teil! Und die Dimension des Apparats symbolisiert sehr gut die Bedeutung türkischen Tees in der dortigen Kultur.
Ich schlürfte mit Florent (einem Tramper aus Frankreich) genüsslich an unserem Tee als sich auf einmal eine mir unbekannte Person zuwandte. Die Person breitete direkt vor uns wortlos eine Zeitung auf dem Tisch aus. Okay! Danke! Und nun?!
Niemand von uns zweien wusste direkt auf Anhieb, was gerade vor sich geht…
So schauten wir uns allesamt eher fragend an. Die Person zeigte dann auf einen kleinen Artikel am unteren Zeitungsrand. Ich warf einen Blick direkt auf diesen und erkannte das Foto, welches ich mit den Bauarbeitern am Vortag schoss, auf Anhieb wieder. Crazy! Das ist verrückt! Ich war in der türkischen Zeitung :-D!

Frisch gestärkt und noch immer völlig geflasht, verabschiedeten wir uns von dieser super netten Familie! Danke nochmal :-)!
Florent und ich machten aus, dass wir uns am Abend wieder treffen wollten. Dieses Mal in Trabzon! Er hatte bereits ein Couchsurfing-Quartier für sich gemanaged. Er bot mir aber an, dass er auch für mich anfragen könnte. Tatsächlich konnten wir beide bei Abdurrahman und Ali unterkommen. Großartig!
Es nieselte leicht. Ich stellte mir vor, wie es denn jetzt in den Zentralen der Türkei aussehen würde. Ich war wirklich heilfroh, dass ich rechtzeitig an der Küste an. Hier war es noch um die 0 Grad warm und es nieselte nur leicht. Da die Familie etwas abseits vom Zentrum wohnte und ich nun einmal in Giresun war, fuhr ich zunächst in Richtung Zentrum. Wirklich spektakulär war diese Stadt definitiv nicht. Erwähnenswert ist vielleicht noch, dass es eine Festung gab, die über die Stadt ragte. Aber auch die folgenden Küstenstädte besaßen jeweils eine Burg.

So verweilte ich dann auch nicht allzu lange in Giresun und fuhr stattdessen in Richtung der 140 km entfernt liegenden Stadt Trabzon. Die Straßen an der Küste waren gut ausgebaut und so kam ich auf dem Standstreifen der Schnellstraße sehr gut voran.

Es regnete mal mehr, mal weniger. Tolles Wetter fühlte sich definitiv anders an, aber es hätte natürlich auch schlimmer sein können. Die Straße entlang der Küste war größtenteils flach und wirklich intressantes entlang des Weges gab es nicht zu sehen. Wie auch, wenn schon mal 50 % der Umgebung Schwarzmeerwasser ist. Einige Tunnel gab es unterwegs immerhin, die für etwas Abwechslung sorgten. Aber im Grunde fuhr ich von einer Ortschaft in die Nächste.
Die Schwarzmeermetropole Trabzon erreichte ich dann auch planmäßig am Abend und nach diesem nassen Tag war ich wirklich sehr froh, dass wir bei den beiden unterkommen konnten.
Die beiden waren Studenten und teilten sich ein Apartment zusammen. Abdurrahman war begeistert von der Idee Couchsurfing, weshalb er sich dort anmeldete und wir waren mit die ersten Gäste.

Am nächsten Morgen fiel der erste Schnee in Trabzon – seit 3-4 Jahren! Normalerweise herrschen auch an den nördlichen, türkischen Küsten im Winter milde Temperaturen. Dieses Jahr war alles anders und deshalb fiel gleich eine riesige Menge an Schnee.
Zusammen gingen wir in die Stadt und verirrten uns zunächst im Stadtmuseum von Trabzon. Alles war in türkischer Sprache -natürlich- und so nur schwer zu verstehen. Aber Trabzon schien eine sehr bewegte Geschichte hinter sich zu haben. Mal Teil des byzantinischen Reiches, mal unter Mongolenherrschaft, mal unter russischer Einflussnahme. Aber schon immer war die Stadt ein bedeutendes Handelszentrum.
Zurück auf den Straßen Trabzons verließen so einige Schneebälle unsere Hände. Es war schon mächtig ungewöhnlich anzusehen, wie reife Orangen oder satt grüne Palmen von einer Schneeschicht umhüllt wurden.
Um die Ecke lag ein Cafe mit einem ganz extravaganten Stil. Es wurde ganz zu Ehren der berühmten Harry Potter-Filme gestaltet und bot ein wirklich einzigartiges Ambiente. So war das Lokal mehr eine Art Museum, denn ein Cafe.

Wo ist Platz für eine Tasse Kaffee? 
Gryffindor oder Slytherin-what’s your favorite?
Weiter ging die Erkundungstour. Mittlerweile empfanden wir gefallen am „herumtoben“ im Schnee. Wir erklimmten den Hügel rund um das ehemalige Frauenkloster von Trabzon. Oberhalb der Stadt funktionierten wir eine Plastetüte in einen Schlitten um und schon ging es den Berg herunter. Die Idee funktionierte besser als erwartet und sobald die Spur platt gedrückt war, bekam man ganz gut Geschwindigkeit. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal so viel Spaß beim „im Schnee spielen“ hatte haha. Weiter hangabwärts schlossen sich Wohnviertel an den kleinen Berg.
Dort fuhren die Schlittenprofis bereits die Berge herunter. 😉 Auch hier gab es zwar keine richtigen Schlitten, dafür aber riesigere Plastetüten bzw. -säcke. Kurzerhand durften wir die Tüten/Säcke kurzzeitig übernehmen und den Berg herunterrauschen – für 50 m Abfahrt.
Ja.. anhand der Abfahrtslänge merkt ihr, was in diesen Gebieten normalerweise an Schnee liegt. Alle waren wie aus dem Häuschen und genossen deshalb die weiße Pracht umso mehr. Jeder auf seine Art und Weise.
In der Türkei gab es echt viele Süßigkeiten. Ein echt sweetes Land. 😉 So fanden wir uns schnell in einem türkischen Tortenladen wieder und genossen so einige Kalorienbomben.

Den Abend ließen wir dann noch entspannt mit einem Kartenspiel ausklingen.
Eine meiner absoluten Lieblingsfrühstücksspeisen bereiten die Zwei am nächsten Morgen zu: Sucuk und Ei! Und obendrein absolut traumhaft gewürzt. Und deftig ist das Ganze. Sucuk ist eine türkische Wurst, die kräftig gewürzt ist.
Mit dieser genialen Stärkung saß ich dann auch schon kurze später auf meinem Sattel mit Kurs Rize. Wobei ich erstmal nach meinem Fahrrad Ausschau halten musste…

Die Straßen waren teilweise geräumt und so war ans Fahrrad fahren zumindest zu denken. Neben der Straße war aber alles dick verschneit. Mit Florent wollte ich mich dann am Abend wieder treffen. Bis dahin war wieder jeder auf sich alleine gestellt. Lets go.

die Hauptstraße durch Trabzon 
entlang des Weges
Ungefähr 80 Kilometer von Trabzon entfernt lag die nächste Stadt Rize. Auf ungefähr halber heutiger Strecke zog ein kleinerer Schneesturm auf. Die Sicht wurde aufgrund des stärker werdenden Schneefalls immer schlechter. Besonders meine Füße froren an dem Tag außergewöhnlich stark. Schließlich befand sich sehr viel Schmelzwasser auf der Straße, welches beim fahren aufspritzte und dann in meine Schuhe durchsickerte. Abends wurde es dann sehr, sehr schnell richtig kalt und so bildete sich nicht nur eine Eisschicht auf der Straße, sondern auch auf meinen Schuhen.

Es war mittlerweile spiegelglatt. Die Straße war zudem mit Spurrillen überzogen, die heimtückisch für jedes erdenkliche Fahrradradprofil waren. Und so fuhr ich wirklich sehr, sehr langsam der Stadt Rize entgegen. Zudem sammelte sich so viel Eis und Schnee in der Gangschaltung an, dass ich diese nicht mehr benutzen konnte. Auch meine Hinterradbremse funktionierte aufgrund dessen nicht mehr. Extreme Bedingungen zum Fahrrad fahren! An diesem Tag endete auch meine derzeitige türkische Sim-Karte und so war ich völlig ohne Netz am Abend unterwegs. Ich versuchte einen Wifi-Hotspot in der Innenstadt zu entern, um mit Florent in Kontakt kommen zu können. Zufälligerweise fanden wir uns dann aber von selbst in der kleinen Innenstadt.
Besonders bekannt ist Rize für seine Teeanbaugebiete an den Hängen hinter der Stadt. Aber auch die lokale Universität trägt einen sehr bekannten Namen. Sie wurde nach dem derzeitigen Präsidenten der Türkei (Recep-Tayyip Erdogan) benannt.

Da es auch heute Abend mittlerweile schon dunkel war und wir noch keine Möglichkeit gefunden hatten, wo wir denn hätten schlafen können, erzählte mir Florent von einem kleinen Moscheeraum nah zum Stadtzentrum. Wir begaben uns direkt dort hin und fanden tatsächlich einen kleinen Gebetsraum vor.
Der Gebetsraum lag direkt am Meer und an einem riesigen Parkplatz. Direkt neben dem Raum war eine kleine Polizeitstation und wir beschlossen nachzufragen, ob wir denn eine Nacht dort drinnen schlafen könnten. Der Beamte war super freundlich und lud uns sofort auf einen Tee ein. Wir verweilten länger als geplant in der Station und immer mehr Beamten kamen für eine Pause/ zum Ende ihrer Schicht in der Station vorbei und waren natürlich sehr erstaunt über die ungewöhnlichen Gäste. Wir tollten im Schnee zusammen umher und aßen zusammen Abendbrot. Außerdem machten wir eine Schneeballschlacht. Einer der Polizisten brachte dabei eine immense Geschwindigkeit in seine Würfe. Die Bälle sausten gefühlt wie Pistolenkugeln durch die winterliche Nacht. Die Stimmung war wirklich zeitweise ausgelassen und das trotz der Sprachbarrieren. Am späten Abend kamen dann ein paar andere Kollegen hinzu, die uns allerdings etwas zu hartnäckig über Themen „rund um den Islam“ ausfragten.

Mit gemischten Gefühlen ging ich erst spät nach Mitternacht schlafen. Florent wollte unbedingt sein Zelt im Schnee austesten und baute dieses mitten vor der Polizeiwache auf. Ich begab mich in den kleinen Moscheeraum 10 Meter entfernt von der Polizeistation. Ich hoffte, dass sich mein Fahrrad in der Nacht etwas vom Schnee befreien würde und ich so am nächsten Morgen wieder besser vorankommen würde. Tatsächlich taute das Fahrrad in dem Raum etwas auf. Auf der anderen Seite bildete sich -unabdingbar- eine kleine Pfütze in dem Raum, welche ich am nächsten Morgen nur notdürftig beseitigen konnte. 😀
Leider entdeckte ich am Morgen auch rund um die eine Fixierung meines Gepäckträgers einen Riss in meinem Aluminiumrahmen. Shit! Auch das Fahrrad zahlte nun den harten Tagen im Winter den ersten Tribut. Ich hoffte auf einen Aluschweißer entlang meines Weges in den nächsten Tagen. Aber noch gab es ja drei Halterungen für den Gepäckträger. Also alles safe, oder?!

Die Sonne schien an diesem Morgen sehr, sehr kräftig und so war ich doch guter Dinge, dass uns ein schöner Tag bevor stand. Schließlich waren es auch nur noch 125 km bis zur georgischen Grenze. Ein neues Land könnte ich also bald aus eigener Kraft erreicht haben.
Wir verabschiedeten uns von den Polizisten, die aber mittlerweile nicht mehr dieselben waren. Batumi in Georgien wurde als Treffpunkt für heute Abend auserkoren und schon ging wieder jeder seiner Wege.
Über den Parkplatz musste ich mir dann erstmal meinen Weg durch die Schneemassen schiebend und hievend bahnen. Kaum auf der Straße, lag ich auch schon das erste Mal. Die Straße war doch noch glatter als erwartet.

Nach einigen Kilometern traf ich dann auf die ersten Tourenradler -seit gefühlten Jahren. Ein Pärchen aus Belgien, welches auf den Weg -ebenfalls- in die Mongolei war. Eine Fahrradreise in die Mongolei als Hochzeitsreise. Das fetzt -war mein erster Gedanke über die Zwei. 🙂
Wir fuhren einige Kilometer zusammen, bis die Zwei eine Pause machen wollten. Ich fuhr weiter die türkische Küstenstraße entlang gen Georgien. Ich sah wortwörtlich zugeschneite Ortschaften entlang der Straße. Die ganze Dorfgemeinschaft zusammen versuchte die Schneemassen aus dem Ort zu schaffen. Bagger und Bulldogs halfen dabei. Zwischen dem Winterdiensttreiben wurden Orangen verkauft. Ein außergewöhnliches Bild.

Die Sonne taute den Schnee und das Eis superschnell auf. Überall wo die Sonne schien, war es sehr, sehr nass. Im Schatten bedeckte die Straße aber weiterhin eine dicke Eisschicht und hier galt besondere Vorsicht. Ansonsten fand man sich schneller auf dem Boden wieder als einem lieb war.
Auf einmal sprang ein ganz verrückter Mensch entlang der Straße aus seiner Hütte. Mitten im Nichts. Ohne Shirt und irgendeine Bekleidung obenherum wunk er mir bei winterlichen Temperaturen zu und wollte mich zu sich einladen. Sonnenschein scheint in der Türkei automatisch Sommer zu bedeuten. Wenn ich seinem Outfit nach urteilen darf. 😉
Später traf ich wieder auf die zwei Belgier und zusammen wollten wir nach Georgien einreisen.

Es wurde aber schon langsam dunkel und so entschieden die zwei noch eine Nacht in der Türkei zu schlafen. So fuhr ich die letzten Kilometer wieder alleine in Richtung Grenze. Über die türkisch-georgische Grenze kann man in den verschiedensten Foren die wildesten Geschichten lesen. Von Einreiseverweigerugen, strikten Kontrollen, stundenlangen Be-/(Aus-) fragungen und unfreundlichen Grenzern findet man definitiv so einige Geschichten. Deshalb war ich auch etwas angespannt als ich mich der Grenze näherte. Für stundenlange Kontrollen hatte ich definitiv keine Zeit, da ich immer noch keine neue Sim-Karte hatte und nicht in der tiefsten Nacht in Georgien ankommen wollte. Mit einem letzten Sonnenuntergang verließ ich sehr, sehr schnell die Türkei dann schon mal und ohne Probleme.
Danach fuhr ich durch einen kleineren Tunnel und gelangte zur georgischen Grenzstation. Hier traten in der Vergangenheit vermehrt -wie nachzulesen ist- Probleme für Fahrradfahrer auf. Ein nettes, unaufgeregtes Gesicht wurde aufgesetzt und schon ging es zur Passkontrolle. Der Grenzerin überreichte ich meinen Pass, dem anderen Grenzer beantwortete ich ein paar kurze Fragen und schon war alles vorüber. Das war wohl eine der smoothesten Einreisen nach Georgien. Glück gehabt. Nice!
Die letzten Kilometer bis in die georgische Küstenstadt Batumi schrubbte ich dann noch problemlos herunter. Florent hatte bereits ein Hostel organisiert, in welchem ich mich kurze Zeit später dann auch ein fand.
Georgien ist definitiv ein wildes, chaotisches Land! Meine Erlebnisse werde ich im nächsten Blogeintrag schildern. Ich habe zwischen zwei Ländern wirklich noch nie einen so gewaltigen Gegensatz gesehen. Und endlich gab es wieder eine größere Auwahl an Bier!






