Am nächsten Morgen besuchte ich noch schnell Abdul Hamid. Er arbeitete in der familieneigenen Bäckerei und hieß mich mit einigen Brüdern und selbstgebackenen Leckereien willkommen. Ebenfalls bekam ich noch ein Lunch-Paket (bestehend aus Pide und Cörek (Teigteilchen)) mit auf dem Weg in Richtung Schwarzmeerküste/ Gebirge. Schweren Herzens verabschiedete ich mich von diesem super freundlichen Türken!

Nicht nur wegen der großartigen Gastfreundschaft von Abdul Hamid, sondern auch weil fast alle Menschen mir in Zara am nächsten Tag zuwinkten/ grüßten, wird mir diese Stadt nicht mehr aus dem Kopf gehen…
Ich schaute auf die Karte und stellte vergnügt fest: nur noch 200 km bis zur Schwarzmeerküste! Wie lange hatte ich doch bis zum Kälteeinbruch gleich noch Zeit? Ach ja, richtig… 2 Tage! Mit der festen Überzeugung im Hinterkopf, dass ich (Voraussetzung keine größere Panne/ unerwartete Ereignisse) rechtzeitig an der Küste ankommen sollte, trampelte ich ohne groß nachzudenken los …
Auf der 200 km langen Etappe sollten zwei über 2000 m hohe Pässe liegen und es war Winter. Das war alles, was ich in dem Moment wusste und wissen wollte.
Ich fuhr zunächst in ein schneeweißes Tal und die letzten Häuser der Stadt verschwanden so langsam aber sicher hinter mir. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ich in wenigen Kilometern auf mehr als 2000 Metern überm Meeresspiegel sein sollte. Kaum war aber dieser Gedanke zu Ende gedacht, machte die Straße eine scharfe Kurve nach links und schon ging es ordentlich bergan. Die Stadt Zara lag auf ungefähr 1300 Höhenmetern und bis zur ersten Passüberquerung musste ich somit mehr als 700 Höhenmeter dazu gewinnen.

Mit jedem Höhenmeter wurde auch gefühlt der Wind etwas kräftiger. Da ich aber durch den Berg geschützt wurde, merkte ich zunächst den Wind nicht ganz so stark. Immer mal wieder erfasste mich aber dennoch eine kleinere Schneewehe. Kurz vor der Passhöhe warteten noch zwei „scharfe“ Hunde auf mich. So wurde ich (mal wieder) für mehrere Minuten angebellt und verfolgt. So nervig!

Auf dem Pass war es dann richtig kalt. Da der Pass aber nicht der höchste Punkt des Berges war, merkte ich auch hier nicht so viel vom Wind. Erleichtert machte ich den ersten Haken hinter den Pass Geminbeli.

Auf der anderen Seite warteten gute 1100 Höhenmeter Abfahrt auf mich. Nach den ersten Serpentinen ging es dann mehrere Kilometer relativ gradlinig bergab. Mittlerweile merkte ich den Wind auch deutlich stärker und so bewegte ich mich in rasanter Geschwindigkeit bergabwärts in Richtung nächster türkischer Stadt (Susehri). Ich fühlte mich mit all dem Gepäck auf dem Fahrrad, wie ein Geschoss, was den Berg hinunter feuerte! Das Bremsen war gefühlt zwecklos, da der Wind von hinten ungemein anschob. Die Straßen waren zum Glück weder vereist noch schlecht geräumt und so überlebte ich die Abfahrt schonmal bis zu einer Wasserfabrik (Murat Su) auf halber Strecke.
Dort hielt ich sofort an und da ich Kronkorken sammel, hoffte ich auf ein paar unbenutzte dieses Herstellers. Leider wurden alle Flaschen nur mit, für mich nutzlosen, Plastedeckeln verschlossen. Allerdings lernte ich Fatih, den Sohn des Chefs, kennen. Er spendierte mir sofort 12 Liter ihres Wasser. Grandios! 12 Liter Wasser würden aber 12 Kilogramm Zusatzgewicht bedeuten und so konnte ich leider nur die Hälfte dieses Wassers dankend annehmen.

Es tat mal wieder so gut richtiges Wasser zu trinken, welches nicht gefroren war oder bereits Eisstückchen enthielt. Meine Wasservorräte konnten aufgrund der Temperaturen leider nicht den Aggregatzustand halten, den sie noch beim Kauf/Befüllen hatten. So trank ich in den winterlichen Tagen zuvor eher Eiswasser als flüssiges Wasser.
Ich war mittlerweile schon wieder so weit bergabwärts gerauscht, dass sich die schneebedeckte Landschaft mehr und mehr in ein tristes, eher brauntöniges Gelände verwandelte.

Die Kleinstadt Susehri ließ ich links liegen. Um mich herum war mittlerweile nun schon weit und breit kein Schnee mehr zu sehen – mit Ausnahme der schneebedeckten Berggipfel.
Mittlerweile fuhr ich auf Straßen, die weit unter 1000 Höhenmetern lagen und umso erschrockender sah ich kurz hinter dem Ort eine weitere kilometerlange Abfahrt in eine Talsenke herabstürzen..
Auch wenn ich wirklich sehr gerne bergabfahre, war mir bewusst, dass ich jeden weiteren Meter downhill sehr, sehr bald wieder bergauf fahren musste. Schließlich wartete der zweite große Pass -in nicht allzu großer Entfernung- auf mich. Nachdem ich weitere rund 200 Höhenmeter verlor und zwischen zwei Seen in der Talsenke hindurch fuhr, hatte ich den tiefsten Punkt auf dem Weg zur Schwarzmeerküste erreicht (rund 700 über Meeresspiegel).

Gleichzeitig bog ich in der Talsenke nun auch in Richtung Osten ab. Bishin wurde ich glücklicherweise vom Wind doch meist verschont, doch mit der Kursänderung von Nord nach Ost änderte sich dies spürbar. Der Wind schlug mir nämlich direkt kräftig ins Gesicht und auf der ersten kleineren Auffahrt zum Wasserreservoir Camlica kam ich nur noch sehr spärlich voran. Der erste Gedanke nach dem Bewältigen von rund 50 Höhenmetern war: „das wird heiter werden!“ Schließlich musste ich mehr als 1500 Höhenmeter dazugewinnen…
Das atemberaubende Blau des Wasserreservoirs und die Landschaft um selbiges herum entschädigten aber für die oder andere Strapaze an diesem Tage.
Ich wollte an diesem Tag so weit wie nur möglich an die letzte größere Ortschaft vor dem Pass herankommen. Bestenfalls bedeutete dies, in einer Unterkunft in Sebinkirahisar zu übernachten. Dafür setzte ich alles auf eine Karte und strampelte bis tief in die Nacht hinein. Da ich abermals mehr als nur das Gefühl hatte, dass ich die gewonnenen Höhenmeter gleich wieder auf den nächsten Metern verliere, beschloss ich bei absoluter Dunkelheit um mich herum, den erst besten „Schlafplatz“ zu nehmen. Zwischen mir und der Ortschaft lagen einfach zu viele Höhenmeter und ich hätte die ganze Nacht durchfahren. Und das im Winter.. und ohne den Pass erreicht zu haben.

Ausruhen – sollte deshalb erst einmal die Devise lauten. Für eine lange Zeit fand ich absolut keine wirkliche Gelegenheit um mein Zelt aufzubauen. Nirgends gab es entlang der Straße ein verlassenes Haus oder eine Tankstelle. Die Lichter der Ortschaften lagen viele Meter und Höhenmeter entfernt von der Straße. Minütlich wurde es immer kälter. Mehr und mehr verlor ich den Mut, dass ich doch bald einigermaßen „bequem“ schlafen könnte…
DOCH dann erblickte ich ein Bushaltestellenhäuschen mit Tür! Volltreffer! So dachte ich zumindest. Als ich die Tür öffnete schlug mir ein eigenartiger, ekliger Gestank entgegen. Ich leuchtete das kleine Betonhäuschen aus und stellte fest, dass ein Hund sein Geschäft hier verrichtet hat. Fuck it! So wurden die Hinterlassenschaften schnell hinausbefördert und ordentlich durchgelüftet. Es war zwar immer noch kein nach Rose duftendes Appartement, aber immerhin konnte ich mir jetzt einigermaßen bequem machen. Platz genug gab es zumindest. Ich hatte zudem vier sichere Wände um mich herum und die Tür wurde wieder einmal mit dem Fahrrad blockiert. Ungünstig war leider nur, dass es keinen Türrahmen gab und so die Tür nicht richtig mit dem Boden abschloss. So zog die ganze Nacht ein eisiger Wind in das Häuschen und die Nacht wurde bitterkalt.

das Bushaltestellenhäuschen 
ein Blick zurück am nächsten Morgen
Gegen 8:30 Uhr wachte ich auf ungefähr 1000 Höhenmetern in meinem „edlen“ Übernachtungsquartier auf. Sogleich ging es dann auch bergauf und ich quälte mich bereits mehr als nur ein bisschen gegen den Wind. In Richtung der Stadt. In Richtung des Meeres. Nach gefühlten Stunden und gerade einmal 10 km und 400 Höhenmetern hatte ich dann die letzte größere Stadt vor dem Pass erreicht. Es war mittlerweile Mittag und so kaufte ich mir ein paar kleinere Energy-Snacks im örtlichen Supermarkt für die vermeintlich letzten 800 Höhenmeter.
Doch Mutter Natur formte die Landschaft wieder einmal entgegen meiner Vorstellungen und Träume und so rauschte ich doch direkt hinter dem Ort wieder den Berg hinunter. Auf ungefähr 1000 Höhenmeter. Wie gewonnen, so zerronnen! Ich startete nach dem halben Tag also abermals auf der Höhe, auf welcher ich am Morgen bereits startete. 1200 Höhenmeter lagen definitiv vor mir..
Der Berg Egribel
So begann die eigentliche Auffahrt also nun in einer kleinen Schlucht entlang eines kleinen Baches.

Nach wenigen Metern stoppte dann auch schon das erste Auto neben mir und versuchte mir irgendwas zu sagen. Ich verstand nur „problem“ und hatte zu dieser Zeit keine Ahnung, was er damit meinen könnte.
Die ersten richtigen, knackigen Anstiege ließen auch zunächst etwas auf sich warten und so fuhr ich parallel mit leichter Steigung zu diesem kleinen Bach. Gleichzeitg drückte mich der Wind enorm in Richtung Pass. Ich musste teilweise nur noch den Lenker ausrichten und der Wind pushte mich den Berg hinauf. Crazy! So etwas habe ich noch nie erlebt..
Ich kam dann doch mit weniger Kraftaufwand als erwartet dem Pass immer näher. Ein weiteres Auto stoppte. Eins der wenigen und diesmal wurden die Fahrer etwas energischer. Auch sie sagten etwas von „problem“ dort oben, aber sie kamen doch erst grade von dort oben. Obwohl der Wind wirklich ziemlich kräftig war, konnte ich mir beim besten Willen nicht ausmalen, wieso denn der Pass unpassierbar für mich sein könnte. Sie wollten mich aber unbedingt zum umkehren überreden und versuchten Google Translator zu benutzen. Auf mittlerweile 1600 Metern hatte aber niemand von uns ausreichenden Internetempfang und so kam keine Konversation zu stande. Nachdem dies nicht klappte, sah ich nur, dass sie jemanden anriefen. Wenige Augenblicke später hatte ich das Telefon am Ohr und sprach mit einer deutsch sprechenden Frau aus der Schweiz. Sie warnte mich mit aller Dringlichkeit davor, weiterzufahren („wenn ich weiterfahre, dann würde ich sterben“). Das klang definitiv deutlich! Ich fragte Sie deshalb, wieso es denn auf dem Pass so gefährlich sei?! Ihre Antwort war nur: „SCHNEESTURM“.
Ohhh..das macht bei dem Wind durchaus Sinn!
Anschließend musste ich ihr noch hoch und heilig versprechen, dass ich nicht weiterfahre. Da ich aber nicht die Kilometer gegen den Wind nach Sebinkirahisar zurückfahren wollte und ohnehin auf meinen letzten 100 km bis zur Schwarzmeerküste gewesen bin, beschloß ich für mich, trotzdem bergauf weiterzufahren. Zur Not getrampt – so war zunächst einmal der Plan. Und so dolle wird der Wind schon nicht auf dem Pass wehen…
Mir blieb auch nichts anderes übrig als mich zu entscheiden. An Ort und Stelle wäre es auf jeden Fall ungemütlich geworden…
Mit einer großen Portion Hoffnung und Ungewissheit kämpfte ich mich langsam weiter bergauf und hielt nebenbei nach einem Pick-up ausschau. An dem Tag sah ich generell so gut wie kein Auto und schon gar keinen LKW. Irgendwie eigenartig war es mir schon..
Auf ungefähr 1800 Metern Höhe wartete bereits ein wilder Hund an einer Baustelle auf mich. Ich sah zudem zahlreiche Bauarbeiter auf dieser Höhe im Winter hart arbeiten. So beschloss ich kurzerhand die Bauarbeiter entscheiden zu lassen, ob ich die Passüberquerung alleine versuchen sollte oder ob es wirklich an dem Tage keinen Sinn macht. Wenn jemand Ahnung haben konnte, wie es da oben wirklich aussieht, dann die Arbeiter, die tagtäglich hier arbeiten.
Zunächst wurde ich erst einmal zu einer angenehm warmen Tasse Tee in einen ihrer Aufenthaltscontainer eingeladen. Obendrein wurde mir noch etwas Gepäck angeboten und so fühlte sich das Treffen mit den Bauarbeitern, wie eine nette, nachmittags Kaffeerunde am Ofen an. Nur die Kommunikation hakte etwas. Irgendwann kamen weitere Bauarbeiter hinzu und mittlerweile war der kleine Aufenthaltsraum brechend voll. Immerhin einer der Bauarbeiter hatte auf dieser Höhe und bei diesem Wetter Empfang und so konnten wir etwas über Google kommunizieren. Er erzählte mir, dass sie (alle hier) gerade einen Tunnel durch den Berg bauen, der in drei Jahren fertig sein soll. Ein Milliardenprojekt, nur um einen Pass zu umfahren. Hmmm. So langsam kam ich ins grübeln, was denn mich tatsächlich da oben erwarten sollte..
Irgendwann fragte ich die netten, hilfsbereiten Bauarbeiter, ob sie nicht eine Idee hätten, wie ich heute noch zur Schwarzmeerküste kommen könnte!? Ich hoffte darauf, dass sie mich mit einem ihrer Lastwagen für etwas Geld über den Berg nehmen würden. Notfalls auch erst am Abend nach ihrer Arbeit. Die Idee fand keine große Zustimmung, stattdessen wollten sie einen Truck für mich anhalten.
Einen Truck?! Ich habe keinen einzigen an dem Tag gesehen..das wird heiter werden, dachte ich. Keine 30 Minuten später rollte ein kleiner Lastwagen mit einer winzigen Ladefläche auf das Baustellengelände. Um die Ladefläche herum, war eine Plane gespannt. Und die Plane war voller Gemüsebilder. In dem Moment ahnte ich natürlich noch nicht, dass das mein Transporteur über den Berg sein sollte.
Ich schlürfte noch genussvoll an meinem Tee als es auf einmal hektisch wurde. Mein Transporteur war ready zur Abfahrt und musste es schnell gehen. Doch zunächst wurden noch zahlreiche Andenkensbilder mit den Bauarbeitern geschossen..

Es war tatsächlich der bereits beschriebene Gemüsetransporter, welcher mich mit über den Pass nehmen sollte. Dieser kleine LKW, sollte also besser gegen den Schneesturm gewappnet sein…
Immerhin stand etwas von Giresun auf dem Lastwagen. Die Richtung stimmte schon mal.
Kein Allrad, keine Schneeketten, keinerlei Werkzeug und nur so dünne Reifen, sollten also ausreichen, um durch den lebensgefährlichen Schneesturm zu gelangen?! Überzeugt war ich definitiv in anderen Momenten! Aber was blieb mir anderes üblich.
Die Ladefläche war auch nur spärlich geladen und auf ihr fand sich dann auch kein Obst oder Gemüse wieder, sondern ein kleine Ladung an Kieselsteinchen. Mein Fahrrad und ich wurden dann in Windeseile auf die Ladefläche gehievt und ich konnte noch nichtmal mein Fahrrad richtig sichern, da setzte sich der Truck schon in Bewegung -und nicht nur langsam, sondern rasant. Ich kniete auf dem Boden der Ladefläche und versuchte mein Fahrrad gegen die Außenplane zu pressen. Je nachdem in welche Richtung die Kurve ging, flog ich mal mehr, mal weniger auf der Ladefläche umher. Zum Glück gab es zur Fahrerkabine eine kleines Fenster und so konnte ich die Strecke vor mir live sehen.
Zunächst veränderte sich auch erst einmal nicht viel. Hüben wie Drüben war es weiß; die Straße war größtenteils geräumt, es ging bergan und kleinere Schneewehen wehten auf die Straße.
Es begann ab ungefähr 2000 Höhenmetern, dass die Straße größtenteils durch Räumfahrzeuge blockiert wurde, welche ihr bestes versuchten, die Straße frei zu räumen. Mittlerweile wehte nämlich der Wind deutlich kräftiger den Schnee auf die Straße und der Fahrbahnbelag verschwand immer mehr unter einer dicker werdenden Schneeschicht.
Zunächst bewegten wir uns auch noch recht schnell den Berg hinauf. Mit jedem Höhenmeter verringerte sich aber die Geschwindigkeit und die Sicht wurde immer schlechter. Ich habe noch nie so wenig vor mir, wohlbemerkt zum frühen Nachmittag, gesehen. Wir fuhren gefühlt in die Nacht hinein. Nichts mehr konnte ich von der Straße sehen. Entgegenkommende Autos konnte man nur noch im allerletzten Moment durch das Scheinwerferlicht wahrnehmen…so etwas habe ich noch nie erlebt! Ich habe den allergrößten Respekt dem Fahrer gegenüber, der das Gefährt durch das Nichts manövrierte. Er fuhr wohl nicht zum ersten Mal hier über den Berg Egribel…
Zu jeder Seite -Rechts und Links- umgaben die Straße zwei Meter hohe Schneeberge. Dadurch sah man überhaupt nichts mehr. Wir bewegten uns mittlerweile nur noch in Schrittgeschwindigkeit durch die „Nacht“. Mir schmerzten die Knie immens und ich war froh, dass ich bei der Geschwindigkeit mal meine Position wechseln konnte -ohne dabei Gefahr zu laufen, dass ich auf der Ladefläche umher fliege. Schneeweiß war ich obendrein, da die Planen die Schneewehen nicht wirklich aufhalten konnten. Und ziemlich kalt war es auch noch. Immerhin konnte ich in der Sekunde auch mal noch ein paar Klamotten anziehen, um noch etwas wärmer verpackt zu sein.
Durch ein Loch im Boden der Ladefläche konnte ich erkennen, dass wir uns immer noch weiterbewegten und nicht liegen geblieben sind…
Ein Auto kam von vorne! Shit! Wir mussten die Fahrrille verlassen und nach rechts ausweichen. In Richtung der Schneemassen… Ich hoffte nur, dass wir auch ohne Allrad wieder in die Fahrrille zurückkommen konnten. Das Auto passierte uns. Die Räder drehten durch -zunächst- doch zum Glück setzte sich der Truck danach wieder in Bewegung und wir konnten unsere Fahrt fortsetzen. Mittlerweile ging es schon wieder bergab. Die Straße fühlte sich etwas glatt an. Hoffentlich rutschen wir nicht in die Schneemassen.. dachte ich.
Ein weiteres Auto kam den Berg hinauf. Wir mussten also wieder ausweichen und in Richtung der Schneemassen zur rechten Seite abbiegen. Das Auto war vorbei und wir hätten uns wieder in Bewegung setzen können..
Aber die Räder drehten erneut durch und dieses Mal drehten sich nicht nur die Räder, sondern gleich der ganze LKW in Richtung der Schneemassen. Der Fahrer probierte den Rückwärtsgang aus. Wieder schlugen die Räder durch. So wackelten wir etwas vor und zurück. Und drehten uns dabei immer in Richtung Schneewand. Irgendwann standen wir fast quer zur Straße. Es gab kein vor und kein zurück mehr! Damn -wir stecken auf 2100 Höhenmetern im Schneesturm fest! Ohne Schneeketten, ohne Werkzeuge, ohne Allrad, ohne Schleppseil..ohne etwas. Nur eine kleine Schaufel sah ich auf der Ladefläche neben mir umherfliegen. Einer der beiden Türken sprang aus dem LKW und gab mir mit einem Zeichen zu verstehen, dass ich auch von der Ladefläche kommen sollte. Ich sprang ebenfalls von der Ladefläche. Dabei erfasste mich eine Schneewehe und schleuderte mich auf den Boden. Ich kam so etwas unsaft zur Landung und nur schwer zum stehen, da der Boden ziemlich glatt war. Erst Windschatten des Trucks hatte ich wieder Schutz. Und ja…der Schneesturm war definitiv existent!
Der Beifahrer war nur mit einem dünnen Hoodie bekleidet und ohne Handschuhe unterwegs. Ich fühlte mit ihm und bot ihm Klamotten von mir an. Er schnappte sich die Schaufel und begann vor/ unter den Vorderrädern den Schnee wegzuschaufeln. Nun sah man sie, die Eisschicht… Auf dieser war es unmöglich mit den nackten Rädern voranzukommen. Mir kam die Idee mit meinem Gaskocher, die Eisschicht aufzutauen und dann zu hoffen, dass die Räder wieder einen festen, stabilen Untergrund vorfinden würden…
Mittlerweile kam ein Räumfahrzeug den Berg im Schneckentempo herunter gekrochen. Wir hofften, dass dieses kräftige, dem Winter trotzende Fahrzeug uns vielleicht zurück auf die Strecke schleppen könnte. Wir schrien und gestikulierten wild dem Fahrer entgegen und bemerkten dabei, dass auch das Raumfahrzeug nur noch mit sich selber beschäftigt war und versuchte dem Schneesturm zu trotzen. Sobald man auf dieser Strecke anhielt, war es hart, wieder zum fahren zu kommen.

Ein weiteres Auto rollte langsam dem Berg herunter. Ein Jeep. Er beschloss anzuhalten und uns zu helfen! Mega! Nahte die Rettung?
Auf Türkisch wurde sich kurz ausgetauscht. Der Fahrer holte ein dünnes Seil aus seinem Jeep heraus und knotete es notdürftig an unseren Truck.
Ich sah, dass er Schneeketten um die Reifen gelegt hatte und so hoffte ich doch, dass er genug Stabilität auf diesem Untergrund vorfinden würde. Wir sprangen wieder auf den Truck. Der Jeepfahrer startete den Motor und setzte sich langsam in Bewegung. Das Seil straffte sich immer mehr. Die Spannung -nicht nur des Seiles- stieg ins Unermessliche. Alle Hoffnung hing nun -nicht nur der Truck mit uns- an diesem dünnen Faden!
Wir merkten wie eine Kraftübertragung auf den Truck stattfand und das Seil definitiv stramm, überstramm war. BENG! Das Seil riss…
S***! Wie es eben so kommen musste..
Alle Hoffnung war dahin! Was nun? Das Seil schien absolut nicht stabil genug zu sein…
Aber das Positive war nun, dass wir immerhin zwei neue Versuche hatten. Oder doch nur einen? Die beiden (nun) Hälften wurde wieder befestigt. Nun hatten wir zwei übereinander liegende Seile. Doppelt hält hoffentlich besser. Das einzige Problem war, dass wir dem Jeep nun -zumal es gelingt uns freizulegen- sofort im Heck hängen würden. Wieder sprangen alle Beteiligten in ihre Gefährte.
Jeder war mittlerweile halb erfroren und schneeweiß. Ich hatte immerhin mehrere Schichten zuvor übereinander gelegt und war somit besser geschützt als einer meiner Fahrer, der weiterhin nur seine zwei Klamotten anhatte. Das Adrenalin muss ihn wohl warmgehalten haben -und mich im Übrigen auch.
Ein Ruck und der Truck bewegte sich wieder. Langsam wurden wir behutsam zurück in die Fahrrille gezogen und konnten die Fahrt fortsetzen…
Tausend Dank an diesen Jeep! Es war wohl eines der letzten Autos, welches an diesem Tag den Pass überqueren sollte.
Wir fuhren weiter bergab und langsam wurde es wieder heller. Ich konnte die Straße wieder erkennen und wollte unbedingt wieder Fahrrad fahren. Nach wenigen Kilometern abwärts gab ich den beiden Fahrern zu verstehen, dass ich gerne selber weiterfahren wollen würde. Schließlich hatte ich die längste Abfahrt in meinem Leben vor mir! Von über 2200 Metern bis zum Meer (auf 0m!) hinunter! Crazyyy! Und dieses -vermutlich- einmalige Erlebnis wollte ich gerne hier und jetzt erleben.
Der kleine Truck stoppte. Ein letztes Andenkensfoto wurde geschossen und ich saß wieder auf meinem Rad.

Das Schlimmste schien definitiv hinter mir zu sein! Oder war es doch nur der trügerische Schein?
Ich war voller Vorfreude auf die wohl längste Abfahrt in meinem Leben. Noch immer waren es bis zu 90 km bis zur Küste und auf diesen musste ich nun (nur noch) 2000 Höhenmeter verlieren. Schnell rechnete ich im Kopf mein Gefälle aus und stellte dabei fest, dass es nun wahrscheinlich doch nicht nur bergab gehen wird (4,5 km = 100 Höhenmeter = rund 2% Gefälle). Das wird doch wohl nicht noch ein paar Steigungen geben?!
Die ersten Meter bergab waren definitiv steiler wie 2% Gefälle und so flogen die ersten Meter nur so an mir vorbei. Schon bald traf ich auf einen Tramper (Florent) aus Frankreich, der zunächst bis nach Vorderasien trampen und dann auf einem Pferd in die Mongolei reiten wollte. Wir verstanden uns auf Anhieb und so wollten wir uns am Abend in Giresun (am Meer) wieder treffen. Bis dahin wollten wir ein Rennen machen. Wir wollten sehen, wer schneller ist. Schließlich hat man als Tramper mal mehr Glück, mal weniger. Und mit 2000 Höhenmetern Abfahrt rechnete ich mir ernste Chancen aus.
Ich fragte ihn auch, ob er so einen Schneesturm schon einmal erlebt hat. Er schlief bei der Überfahrt -war seine Antwort! Für mich definitiv unerklärlich..
Als ich wieder auf dem Fahrrad saß, schlug mir auf einmal ein kräftiger Wind entgegen! Vielmehr sturmartige Böen, die von der Küste sich ihren Weg ins Land gebahnt haben. Ich musste bergab(!) hart in die Pedale treten, um überhaupt vorwärts zu kommen! Teilweise half treten nicht mehr und ich musste bergab(!) schieben. So einen Sturm habe ich noch nie erlebt. Und noch waren es mehr als über 80 km bis zur Küste..
Ich war völlig entmutigt und irgendwann entkräftigt und im Gebirge. Zur einen Seite ging es steil bergan, die andere Seite stürzte in die Tiefe. Ich befand mich eben auf einer Gebirgsstraße und Schlafmöglichkeiten gab es nicht wirklich.
So fuhr und schob ich weiter den Berg herunter. Sehr langsam, aber dennoch kam ich mit jedem Meter der Küste etwas näher.
Ich fuhr wieder mal auf meinem Fahrrad für einige Meter als mich eine unglaublich kräftige Böe packte und in Richtung rechte Straßenseite drückte -vielmehr schleuderte. Zum Glück war ich zu der Zeit in der Straßenmitte unterwegs und so konnte ich rechtzeitig reagieren und den Lenker wieder gegen die Windrichtung drücken. Wäre ich näher zum rechten Straßenrand unterwegs gewesen, wer weiß, wo ich jetzt sein würde..
Das war definitiv ein Weckruf. Ich beschloß von nun an, nur noch in der Mitte zu fahren. Autos passierten mich schon lange nicht mehr und da es keine wirkliche Abzweigung gab, kann es nur eine Schlussfolgerung geben, dass keine weiteren Autos mehr den Pass überquerten. Umso glücklicher schätzte ich mich im Nachhinein, doch diesen Kleintransporter als Transporteur gehabt zu haben.
Je tiefer ich kam, desto schneller kam ich nun auch voran. Das war auch dringend notwendig, denn es wurde schnell stockdunkel und noch immer hatte ich viele Kilometer vor mir. Meine Höhenmeter hatte ich nun größtenteils alle verloren und so ging es für die letzten 40 Kilometer mit einem sehr geringen Gefälle in Richtung Küste. Ich passierte einige kleinere Orte und versuchte noch in den Bäckereien entlang der Straße Simit (süßliches Mehrkorngebäck) aufzutreiben. Simit war aber leider überall ausverkauft und so gab es nur noch Brot (Ekmek) für mich zu ergattern.
Tatsächlich schaffte ich es noch an diesem Tag nach Giresun – bis an die Schwarzmeerküste! Unglaublich! Den Tag werde ich so schnell nicht vergessen! Und er war noch nicht vorbei..
Florent und Ich verabredeten uns in einem kleinen Restaurant, in welchem wir uns auch kurze Zeit später wieder trafen. Wir wollten beide an diesem Abend etwas Neues ausprobieren. Und zwar, wie es denn ist, in einer städtischen Moschee zu schlafen. Also warteten wir geduldig vor dem religiösen Gebäude bis deren Gebet vorüber war und fragten die ersten aus der Moschee stürzenden Menschen, ob wir in eben jener übernachten könnten. Sehr, sehr schnell waren alle Gläubigen aufmerksam und neugierig geworden. Und wir wurden wahnsinnig schnell an eine nette Familie vermittelt, die gleich neben der Moschee wohnte. Kurze Zeit später fanden wir uns in einem Raum wieder, inklusive zweier Betten, die auch direkt prompt für uns bezogen wurden. Ebenso wurden sämtliche Familienangehörigen herbeigerufen und selbst ein Nachbar, der normalerweise in Deutschland lebt und zur Zeit grade in der Türkei war, wurde direkt eingeladen.
Auch wenn die Kommunikation wieder etwas hakte und Google uns wieder einmal das Leben erleichterte -wenn nicht sogar rettete- war es ein sehr schöner Abend in Giresun! Tausend Dank nochmal an Familie Bektas!

Es ist immer wieder unglaublich schön zu erleben, wie aufgeschlossen, herzlich, einladend und hilfsbereit viele Menschen auf dieser Welt gegenüber Fremden sein können.
Nach dieser Gebirgsetappe gab es definitiv nichts Besseres als in einem Bett zu schlafen!
Im nächsten Beitrag erfahrt Ihr, wie ich dem Schneechaos an der türkischen Schwarzmeerküste trotze und wie wir eine Nacht in der Obhut der türkischen Polizei verbringen! Bis dahin 🙂










