Endlich war es wieder so weit! Ich saß auf meinem geliebten Drahtesel, der mich weiter nach Osten bringen sollte. Die ersten Meter auf dem Fahrrad waren nach der anderthalb wöchigen Pause fast schon etwas wacklig. Mit einem letzten, am Himmel majestätisch dahinschwebenden Ballon verließ ich diese ihresgleichen suchende Landschaft. Auf jeden Fall will ich mal wieder dort sein – im Sommer – der Entschluss steht.

Ein kurzer Prolog zu dieser Etappe in der Türkei: Die Wettervorhersage versprach für die kommende Zeit nichts Gutes. Es sah so aus, dass ich maximal eine Woche Zeit haben würde, bis eine richtige Kältewelle über die Türkei herfallen sollte – besonders über die Zentraltürkei. Die ursprüngliche Idee war, ab Kayseri in Richtung Süden zu fahren, um Ende Januar am Mittelmeer zu sein. Schließlich herrschten dort zu dieser Jahreszeit noch jeden Tag um die 15-20(!) Grad Celsius. Anschließend hätte ich gerne Teile der im Südosten gelegenen türkischen Kurdengebiete bereist – dies alles muss warten. Schließlich veranlassten mich die Wetteraussichten dazu, auf schnellstem Wege die Schwarzmeerküste zu erreichen, da ich nicht die Kältewelle im Süden aussitzen wollte.

Anstatt der geplanten 1.600 wollte ich nun in fünf Tagen ungefähr 600 km bewältigen. Klang zunächst erst einmal machbar.
Die ersten Kilometer fuhr ich zunächst erst einmal leicht auf und ab. Rechts und links erblickte ich eine kleinere Schneeschicht die Erde bedecken. Die Temperaturen lagen tagsüber weiterhin rund um den Gefrierpunkt; der Wind hingegen war nicht mehr so störend wie die Tage vor meiner Krankheit.

Ich erreichte einen ersten Check – Point der Jandarma (Gendarmerie). Dort hielten sich, wie an ziemlich jeden Check – Point, zahlreiche wilde Hunde auf. Als sie mich erspähten jagten natürlich sofort die ersten Tiere los. Unglücklicherweise mussten einige dafür die Straßenseite wechseln und einer der Hunde wurde von einem Auto erfasst. Knall! Auf einmal flog ein Hund mittlerer Größe durch die Lüfte und landete vor mir auf der Straße. Damn! Mit offenem Mund kam ich so langsam zum Stehen…
Alle anderen Hunde umringten sofort ihren Freund, der herzzerreißend jaulte und offensichtlich noch am Leben war. Crazy – was so ein Hund alles einstecken kann! Die Fahrer des Autos stiegen aus und gaben ihm Wasser. Auch einige Paramilitärs vom Check – Point kümmerten sich um den Hund, so dass ich nach einem kurzen Augenblick des Innehaltens meine Fahrt fortsetzen konnte. Spätestens jetzt war ich munter …
Die nächste Millionenstadt auf meiner Tour war Kayseri. Außer einer „nagelneuen“ Straßenbahn (Eröffnung 2009) bleibt mir die Stadt eher weniger in Erinnerung. Ich fuhr auch deshalb nur einmal quasi grade durch.

Einen der schlimmsten Platten hatte ich definitiv an diesem Tag. So fuhr ich in Gedanken versunken auf dem Seitenstreifen dahin und übersah eine zerbrochene, scharfkantige Glasflasche. Innerhalb nicht einmal einer Sekunde war mein Vorderrad leer und ich musste bei 1 Grad Celsius den Schlauch reparieren. Die Reparatur konnte ich mit meinen Handschuhen nicht bewerkstelligen, weshalb meine nackten Hände nach kurzer Zeit komplett rot und gefühlt erfroren waren. Leider war nicht nur der Schlauch komplett zerstört, sondern auch der Mantel durch das scharfkantige Glas kräftig in Mitleidenschaft geraten – das schrie obendrein nach einem Mantelwechsel.

Zurück auf den winterlichen Straßen benötigte ich so langsam aber sicher einen Schlafplatz. Irgendwie wollte ich an diesem neuerlichen Wintertag nicht in meinem Zelt schlafen und so hoffte ich auf ein baldiges Erscheinen einer Moschee oder Tankstelle. Da ich mich aber auf einem langgezogenen Anstieg befand, erschien lange Zeit weder das eine noch das andere…
Endlich kam auf der anderen Straßenseite eine kleine Tankstelle. Ich wechselte direkt die Straßenseite und versuchte natürlich sofort mein Glück, ob ich irgendwo in dem Haus auf dem Fußboden hätte schlafen dürfen. Zum Glück waren die beiden anwesenden Menschen unglaublich freundlich, weshalb ich tatsächlich in der Tankstelle übernachten durfte. Ich bekam sogar eine Matratze gestellt – auf der wollte ich aber absolut nicht meinen Schlafsack ausbreiten. Die Matratze war mal sowas von eklig …

Schlafplatz für die Nacht 
Frühstück mit Tefik
Am nächsten Morgen fand ein Schichtwechsel in der Tankstelle statt. Leider konnten beide Männer überhaupt kein einziges Wort Englisch, weshalb die Kommunikation mehr als schwerfällig war. Doch ein paar Informationen bekam ich dann doch noch aus Ihnen heraus. Die Tankstelle liegt abseits größerer Siedlungen, weshalb die Arbeiter jeweils für mehrere Tage dort auch schliefen und kochen mussten.
Am 03.02.2020 wollte ich nach Sivas kommen. Nach ungefähr 50 km erreichte ich die kleine Stadt Gemerek. In der Kleinstadt gab es keine asphaltierten oder betonierten Straßen. Die Wege waren je nach Wetterlage mal mehr oder weniger matschig. Offensichtlich fehlte hier das Geld, um die Infrastruktur auf Vordermann zu bringen.

Als es Abend wurde, war ich noch immer ein sehr gutes Stück von Sivas entfernt. Das selbe Problem, wie am Vortag trat (ganz unerwartet 😉 ) auf.

So musste ich spontan wieder einen Platz zum Schlafen finden. Da ich auf mehr als 1400 Höhenmetern mittlerweile unterwegs war und der Wind ziemlich pfiff, hielt ich auch wieder nach einer Tankstelle und/oder Moschee ausschau. Glücklicherweise fand ich auch an diesem Abend relativ schnell eine Tankstelle. Nach einem kurzen Gespräch mit den Tankstellenangestellten durfte ich im kleinen Moscheeraum der Tankstelle übernachten. Ein dünner Teppich wärmte immerhin etwas von unten gegen die Kälte. Bei Pide und Tee unterhielt ich mich mit den Tankstellenrestaurantangestellten und erfuhr, dass hier so manche Nacht die Wölfe auf Gänsejagd gehen. Sie wiesen mich deshalb ausdrücklich daraufhin, dass ich die Türe auch ja ordentlich verschließen soll.

Es gab weder Wald noch andere Versteckmöglichkeiten in dieser Gegend und folglich kamen die Wölfe immer von weit her. Ich stemmte mein Fahrrad wieder von innen gegen die Tür und hoffte auf eine entspannte Nacht.
Ich schlief fest wie ein Murmeltier und wachte am nächsten Tag ausgeschlafen auf. Als ich die Tür öffnete, stellte ich allerdings fest, dass es kräftig regnete. Geiles Wetter – yeah!
Nach einem letzten Tee in der Tankstelle fuhr ich weiter. Doch schon nach wenigen Metern wandelten sich die Regenfälle in starke Schneefälle. Sehr schnell fand ich mich auf einer schneebedeckten Straße wieder. Der Verkehr kam beinahe zum Erliegen; nur wer eine Schneekette auf seine Reifen zog, kam überhaupt noch vorwärts. So war ich schneller als die Autos und Trucks.

kurzer Pitstop zum Schneeketten aufziehen 
auf dem Weg nach Sivas
Als ich nach 45 gefahrenen Kilometern endlich in Sivas ankam, waren meine Hände und Füße schon platschnass und erfroren. In Sivas gab es dann auch nicht ganz so viel zu entdecken. Und nachdem ich noch meinen kaputten Mantel in einem Fahrradgeschäft austauschen ließ (~19 Euro) ging es auch schon weiter in Richtung Zara.

Zentrum Sivas 
Zentrum Sivas
Zara sollte hierbei die letzte größere Ortschaft vor dem Küstengebirge sein, welches ich auf dem Weg zum schwarzen Meer durchqueren musste. Auch zwischen diesen beiden Städten ging es wieder recht wellig zu.

Es war bereits dunkel als ich Zara erreichte und nach diesem Tag wollte ich mal wieder in einem warmen Bett schlafen. Dazu brauchte ich ein Hotel. Mitten im Zentrum fand ich meinen Schlafplatz diesmal.
Ich brauchte zudem dringend etwas warmes zu essen und mir war ebenso nach türkischer Pizza (Lahmacun). In einem nahegelegenen Restaurant traf ich beim Bestellprozess auf Abdul Hamid, welcher mich direkt auf Lahmacum einlud. So cool – diese (sommer-)warme Gastfreundschaft! Wieder einmal erwies sich Google Translator als die einzige Möglichkeit, um überhaupt eine Konversation führen zu können. Nach dem Abendessen wollte er mir noch einen seiner Brüder vorstellen und so fand ich mich kurze Zeit später in einem traditionellen Teehaus wieder. Neben Tee, bekam ich auch ganz meinen Sehnsüchten nach warmen Getränken entsprechend, heiße Milch serviert. Anschließend machten wir noch eine Spritztour durch die Schneematschstadt Zara (die Pfützen waren teilweise bis zu 50 cm tief..).

Am nächsten Morgen sollte ich vor meiner Weiterreise unbedingt noch auf seinem Arbeitsplatz vorbeischauen…
Was mich am nächsten Morgen erwartete und wie wohl die unglaublichste Passüberquerung (2200 Höhenmeter) ablaufen wird, erfahrt ihr alles im nächsten Beitrag!