
Vor rund 100 Jahren wohnten in Ankara nicht einmal 80.000 Menschen und seitdem ziehen bis zu 100.000 Menschen/Jahr vor allem aus den ländlichen Gebieten der Türkei in die Hauptstadt. Ein immenser Bauboom versucht der Migration gerecht zu werden. So staunte ich doch nicht schlecht, welche Ausmaße Ankara schon heute einnimmt – und das gerade einmal bei rund 5 Millionen Einwohnern.
So ist nicht es dann auch nicht ungewöhnlich 20 km entfernt vom Stadtzentrum in einem der nagelneuen Stadtteile zu leben.
Zwischen dem Stadtzentrum und den davon weit entfernt gelegenen Stadtteilen gibt es riesige Freiflächen die Atatürk (Der Republikgründer und erste Präsident) zur Verpflegung der Stadt unbebaut ließ.
Doch Atatürk ist mittlerweile gestorben und somit auch seine Vision von der Selbstverpflegung der Stadt. Somit verschwinden die Freiflächen mehr und mehr. Seit einigen Jahren befindet sich auf einer eben jener Freiflächen ein riesiges Areal des Türkischen Geheimdienstes und eine Militärbasis.
Und irgendwo zwischen dem Stadtzentrum, all den neuen Stadtteilen und Freiflächen steht auch noch die gewaltige Residenz Erdogans.
Die überdimensionierten Straßen (teilweise 5-spurig) führen von den Stadtgrenzen in Richtung Zentrum. Die Straßen sind aber teilweise noch recht wenig befahren, da in den einzelnen Stadtteilen noch zu wenige Menschen leben.

Ein weiteres Beispiel für die komplett überdimensionierte Planung ist ein riesiger Freizeitpark, der aufgrund Mangels an Besuchern schon wieder schließen musste, bevor er überhaupt richtig geöffnet hatte.
Somit stelle ich mir die Frage, was genau der Plan ist für Ankara:
Soll eines Tages die Stadt größer sein und mehr Menschen beherbergen als Istanbul?!
Und womöglich das wirtschaftliche, soziale und gesellschaftliche Zentrum der Türkei sein?
Es gibt gute Gründe dafür, dem ganzen Glauben schenken zu dürfen. Soweit das Auge reicht wird gebaut. Überall entstehen neue Stadtteile und die Stadt dehnt sich unnachgiebig aus. Besonders beliebt sind hierbei kleinere Wolkenkratzer die meist Apartments und Studios beinhalten. Riesige Freiflächen gibt es wie erwähnt obendrein noch und ich bin echt gespannt, ob die Megastraßen wirklich in weiser Voraussicht geplant wurden sind, um eines Tages dem Verkehr gerecht werden zu können.

Aus der Sicht eines Stadtplaners oder der sich generell mit moderner Stadtentwicklung (urbane Konzepte) beschäftigt, für den dürfte die Entwicklung Ankaras definitiv interessant zu verfolgen sein. Auch in Zukunft.
Doch überall da wo eine Stadt immens wächst und moderner werden soll, findet fast unumgänglich Gentrifizierung statt. So findet man rund um die Burg (Ankara Kalesi) riesige abgerissene slum-ähnliche ehemalige Wohngegenden (genannt Gecekondu) ärmerer Bevölkerungsschichten. Die Gebäude mussten zukünftigen Wolkenkratzern weichen, welche aber Anfang 2020 noch nicht gebaut wurden waren.

Ich bin sehr gespannt, wohin der Weg Ankaras führen wird!
In Ankara wohnte ich fast eine Woche bei Eyuup und seiner Frau Meltem. Beide lebten in einem eben erwähnter unzähliger neuer Hochhäuser in einem nagelneuen Stadtteil ungefähr 20 km vom Stadtzentrum entfernt.
Die Einladung kam dadurch zustande, weil sie mich Tags zuvor durch winterliche Gegenden Fahrrad fahren sahen. Sie boten mir zu dem Zeitpunkt schon an, dass ich mein Fahrrad hinten auf ihren Pick-up werfen kann und mit Ihnen nach Ankara fahren könnte. Doch mein Sportgeist verneinte und so war ich umso glücklicher, als sie mich auch für den nächsten Tag zu sich nach Hause eingeladen haben.
Da ich am nächsten Tag Ankara aus eigener Kraft erreichte, konnte ich dieses unglaublich nette Angebot definitiv nicht ausschlagen und so saß ich abends zum Abendbrot bei Ihnen in der Küche. 🙂
In den nächsten Tagen unternahmen wir einige Dinge zusammen, wie zum Beispiel eine Tour auf einen der Berge rund um Ankara. Auf der Spitze herrschten noch feinste winterliche Bedingungen; während in Ankara an sich zu meiner Zeit kein Schnee lag. Wir kraxelten oben etwas herum und genossen die frische, kalte Luft. Auch ein paar coole Fotos entstanden zusammen.

Die Verständigung zwischen Eyuup und mir lief problemlos, da er in Deutschland geboren wurde und bis zu seinem 21 Lebensjahr in Niedersachsen lebte und noch immer sehr, sehr gute Sprachkenntnisse besaß.
Apropos „Deutsch sprechen“ – auch in Ankara finden wöchentlich Deutsch – Treffen statt, wo interessierte Türken die Möglichkeit haben ihr erlerntes Deutsch anwenden zu können. Auch Eyuup und ich schauten auf einem dieser Treffen vorbei. Es war interessant zu sehen, wie viele Türken auch in Ankara an der deutschen Sprache interessiert sind. An diesem Abend war ich sogar noch nicht mal der einzige Deutsche und so versuchten wir unser Bestes den wissbegierigen Türken eine gute Trainingsarea zu bieten!
Schweren Herzens habe ich nach fast einer Woche „Goodbye Ankara, Goodbye Eyuup und Meltem“ gesagt. Die nächsten Tage und Wochen werden mich in den tiefsten Winter und nach Kappadokien führen….
Noch ein paar Impressionen aus Ankara!

Anitkabir (Mausoleum Atatürk) 
Anitkabir 
Kocatepe Moschee

